Montag, 10. Dezember 2018

Börsenprofi Thomas Grüner erklärt Deshalb müssen wir Zinserhöhungen nicht fürchten

EZB-Chef Draghi: Wenn die Zentralbank ihre Geldpolitik zügelt, ist das ein gutes Zeichen.

Kreditvergabe im Fokus

Wachstum ist ein Grundelement der freien Marktwirtschaft. Durch Wachstum wird Wohlstand generiert, indem in der Regel Arbeitsplätze geschaffen werden und Schulden im Verhältnis zu den Vermögensbestandteilen tendenziell an Wert verlieren. Aus diesen Gründen ist es nicht verwunderlich, dass das Wirtschaftswachstum als oberste Maxime in der Wirtschaftspolitik eines jeden Staates mit einer freien Marktwirtschaft genannt wird. Schließlich bildet in der Regel ein auf breiter Basis gesteigerter Wohlstand die Grundlage für politischen Erfolg. Doch wodurch wird Wachstum generiert und wie ist es in der Realität beeinflussbar?

Thomas Grüner
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    Thomas Grüner ist Gründer und Vice Chairman des Vermögensverwalters Grüner Fisher Investments (www.gruener-fisher.de) mit Sitz in Rodenbach bei Kaiserslautern.

Als Hauptfaktoren für eine positive Wirtschaftsentwicklung gelten vor allem Arbeit und Kapital. Zum einen werden Arbeitskräfte benötigt, die für florierende Produktionszahlen und Dienstleistungen sorgen, zum anderen aber auch die nötigen Finanzierungsquellen. Die Kapitalfunktion in einer funktionierenden Volkswirtschaft übernehmen die Banken. Diese leihen sich kurzfristig Geld von der Zentralbank und verleihen es langfristig an Marktteilnehmer weiter. Bei der Kreditvergabe an Firmen, für Häuser oder Konsum kommt es für die Banken darauf an, dass dabei Gewinne entstehen. Da die Differenz zwischen den langfristigen und den kurzfristigen Zinsen den Gewinn der Bank darstellt, ist diese Kennzahl entscheidend für die Bereitschaft der Banken, Kredite zu vergeben. Gleichzeitig zeigt sich an den Aktienmärkten immer wieder, dass in der Regel die Region eine relative Outperformance zeigt, die über einen besseren Zugang zu Krediten verfügt.

Alle Augen auf die EZB

Bei diesem Thema zeigt sich nun ein fundamentales Missverständnis der Märkte. Seit Jahren wurde in Japan, den USA, Großbritannien und auch Europa argumentiert, dass die expansive Zentralbankpolitik für eine florierende Wirtschaft sorgt. Doch nur weil zwei Ereignisse zur selben Zeit geschehen, muss keine Kausalität zwischen den beiden bestehen. Die tatsächliche Entwicklung ist nämlich eine andere und hängt vor allem von der Zinsstrukturkurve ab.

Die Differenz zwischen den langfristigen und den kurzfristigen Zinsen wird vor allem durch die Inflationserwartungen bestimmt. Die Zentralbank bestimmt hierbei nur den kurzfristigen Zinssatz. Wenn nun die Inflationserwartungen gleich bleiben, gleichzeitig jedoch die künstlich erzeugte Nachfrage nach langfristigen Anleihen von Seiten der Zentralbank selbst abnimmt, so sinken die Kurse der Langläufer.

Ergebnis: Die Zinsen steigen. Der "Spread" zwischen kurzfristigen und langfristigen Zinsen weitet sich aus. Die Gewinne der Banken über die Fristentransformation steigen und somit auch die Bereitschaft, weitere Kredite zu vergeben. Zu sehen ist dieser Prozess bereits in der Entwicklung in Europa zwischen 2016 und 2018. In dieser Zeit, in der das Ende von QE ("Quantitative Easing", also "Quantitative Lockerung" der Geldpolitik) angekündigt und gleichzeitig die Anleihekäufe auch schon teilweise zurückgefahren wurden, ist die Differenz zwischen 3-Monats- und 10-Jahreszinsen angestiegen.

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Was lehrt uns die Geschichte?

Das Ende des QE-Programms in der Eurozone ist kein Schritt in eine unbekannte Richtung. Sowohl die Bank of England in Großbritannien als auch die Fed in den USA haben diese Prozedur längst hinter sich gebracht. Man kann festhalten: Noch nie war das Ende eines QE-Programms mit negativen Auswirkungen auf die Wirtschaft verbunden. Sowohl in Großbritannien als auch in den USA konnte der Ausstieg aus den Anleihekäufen der Zentralbanken vor allem die Kreditvergabe anregen. Aktuell befindet sich die Eurozone also in einer vorteilhaften Phase: Durch den Rückgang bzw. Entfall der Anleihekäufe erhalten die Zinsen am längeren Ende der Zinsstrukturkurve Auftrieb, am kurzen Ende sind keine einschneidenden Änderungen absehbar - Zinserhöhungen als geldpolitische Maßnahme sind erst mit einiger zeitlicher Verzögerung zu erwarten. Die Kreditvergabe in der Eurozone kann sich voll entfalten und auf eine sehr gesunde Nachfrage im Verhältnis zum Angebot stützen.

Europa holt auf

Vergleicht man die USA und Europa in der Kreditvergabe, so dominierte das Wachstum seit 2012 in Amerika. Dies wurde vor allem durch das Ende von QE ausgelöst. In dieser Phase stieg das jährliche Kreditwachstum von etwa 3 Prozent auf knapp 9 Prozent an. In derselben Zeit lief in Europa das Programm weiter. Das Kreditwachstum war zwischen Mitte 2012 und Anfang 2015 negativ, danach auch nur leicht positiv.

Chart der Woche | KW47

Fazit

Das Ende von QE wird mit großer Skepsis betrachtet, strahlt aber keine wirkliche Gefahr für die europäische Wirtschaft aus. Generell hat das QE-Programm noch nie irgendwo funktioniert. Im Gegenteil: Die steigende Gewissheit, dass die Eurozone ohne QE besser gestellt ist, wird Anlegern neues Selbstvertrauen verschaffen. Es bleibt zu hoffen, dass die EZB in der aktuellen wirtschaftlichen Schwächephase ihre Entscheidung nicht überdenkt und neue Unsicherheit hervorruft.

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