Freitag, 18. Januar 2019

Trotz Sturmtief an den Börsen - Anlageprofi Robert Halver erklärt Altersvorsorge mit Aktien - jetzt erst recht

Die gesetzliche Rente ist sicher im Sinne, dass es für viele Rentner später hinten und vorne nicht reicht. Tausende Menschen sehen sich einer großen Lücke in ihrer Altersvorsorge gegenüber - und müssen im Ruhestand mit deutlichen finanziellen Einbußen rechnen.

Zinsanlagen können diese Altersvorsorgelücke nicht schließen. Staatspapiere werden zwar als risikofrei beschrieben. Doch bereits in der Vergangenheit sind diese heiligen Kühe dem Schlachthof nicht entkommen. Und wie will man denn die heutige, im Vergleich zu früher viel höhere weltweite Schuldenlast jemals zurückzahlen?

Je höher früher das Ausfallrisiko war, desto größer fiel immerhin der Risikoaufschlag für Anleger aus. Heute muss es absurderweise umgekehrt sein, da ansonsten der Schuldendienst für viele Schuldenstaaten nicht mehr zu bezahlen wäre. An dieser Stelle kommen die Notenbanken ins Spiel. Sie verhindern seit zehn Jahren die Kernschmelze des Finanzsystems. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann werden sie auch noch morgen für zinsgünstige Staatsfinanzierung sorgen.

Zinsvermögen = Vermögensvernichtung = Altersarmut

Robert Halver
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    Robert Halver ist Leiter der Kapitalmarkt-analyse der Baader Bank AG und bekannt durch regelmäßige Medienauftritte und als Kolumnist. Mit Wertpapieranalyse beschäftigt er sich seit über 20 Jahren.

Vor diesem Hintergrund zahlt sich die unerschütterliche Treue deutscher Sparer zu Sparbüchern, Festgeldern und Anleihen nicht nur nicht aus, sie wird sogar bestraft. Schon die diätösen Zinsen machen den Weltspartag zum Volkstrauertag. Und nach Inflation wird sogar die Substanz des deutschen Zinsvermögens aufgefressen.

Ich bezweifele, ob selbst meine Enkel jemals wieder normal hohe Anlagezinsen erleben werden. Insgesamt ist die deutsche Altersvorsorge im Status Quo eine so laut tickende Zeitbombe, dass es Ohropax auf Krankenschein geben müsste.

Aktiensparen = Teufelszeug?

In Deutschland gilt Aktiensparen vielfach als Teufelszeug. Dabei fußt auf unseren börsennotierten deutschen Aktiengesellschaften jede Menge volkswirtschaftlicher Wohlstand. Es ist nichts falsch daran, wenn sich das breite Publikum an diesem substanzstarken Produktivvermögen beteiligt.

Natürlich sind Aktien mit Risiken versehen. Sie schwankten früher schon und werden es auch zukünftig tun. Doch selbst von den größten Einbrüchen haben sich Aktien ausnahmslos nicht nur erholt, sondern sind immer wieder zu neuen Höhen aufgeschwungen. Allen Schwächephasen wie z. B. Dotcom-, Immobilien- oder Euro-Krise zum Trotz hat beispielsweise der deutsche Leitindex DAX seit seiner Einführung vor 30 Jahren eine durchschnittliche Jahresrendite von 8 Prozent erzielt.

Chart der Woche | KW52

Regelmäßiges Aktiensparen ist genial

Vor allem die Aktienschwankungen machen regelmäßige Sparpläne so attraktiv, dass Vater Staat sie als Instrument der Alterssicherung fördern soll. In sinkenden Kursphasen erhält man zum günstigen Preis bzw. für die gleichen Spar- mehr Aktienanteile. Auch hier liegt im Einkauf der Gewinn. So profitiert man in der Ansparphase längerfristig selbst vom Handelskrieg, vom Brexit oder der europäischen Schuldenmisere. Bei Börsenerholung wird das gesamte Aktienvermögen dann angehoben wie ein Schiff bei Flut.

Zur Risikobegrenzung dieser Aktien basierten Altersvorsorge soll der Anlagefokus auf Aktien-Fonds bzw. Aktien-ETFs aus dem Euroraum liegen, um Währungsverluste zu verhindern. Bei der Aktienauswahl geht es schwerpunktmäßig um Titel mit robustem Geschäftsmodell: Essen, Trinken, Wohnen, Medizin, Mobilität und Kommunikation sind stabilste menschliche Grundbedürfnisse.

Ohnehin bieten diese Branchen typischerweise hohe Ausschüttungen, die im Ansparzeitraum den Zinsfrust durch die Dividendenlust ersetzen und über den Wiederanlageeffekt auch einen alternativen, besseren Zinseszinseffekt ermöglichen. Dividendenstarke Aktien haben zudem eine kursstabilisierende Wirkung.

Sicherlich schlagen Kursverluste bei wachsendem Aktienvermögen in immer größerem Ausmaß negativ zu Buche. Bei nahendem Auszahlungsbeginn soll daher das Aktienrisiko heruntergefahren und Kursgewinne durch Verkäufe immer mehr realisiert werden.

Ohne Steueranreize bleiben Aktien links liegen

Je früher man mit regelmäßigen Sparplänen anfängt, umso weniger lässt es sich verhindern, eine schöne Altersvorsorge aufzubauen. Leider trifft diese frohe Botschaft in der Breite der Bevölkerung auf taube Ohren.

Die Vorteile des Aktiensparens kann man uns Deutschen wohl nur steuerlich nahebringen. In diesem Zusammenhang schürt die geplante Finanztransaktionssteuer, die auf Aktien, nicht aber auf Staatsanleihen Anwendung findet, die Aktienscheu und damit Altersarmut noch mehr. Vielmehr sollte ein ordentlicher Batzen aus dem monatlichen Steuerbrutto in Aktien angespart werden dürfen und das so angesparte Vermögen auch bei späterem Verzehr steuerfrei bleiben. Die Bedingungen dazu wären, über viele Jahre einzuzahlen und die Ansparleistung nur bei vorher definierten Härten des Lebens anzutasten. Ärmeren Bevölkerungsschichten muss die Politik Zuzahlungen gewähren.

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Diese staatliche Großzügigkeit bei der Aktien-Förderung ist gut investiertes Geld. Damit wirkt die Politik der ansonsten zunehmenden Verarmung im Alter entgegen. Bereits 2018 zahlte Deutschland das erste Mal eine Billion Euro an Transfer- und Sozialleistungen.

Berlin könnte wie in Schweden - nicht gerade für Marktradikalität bekannt - eigene Vermögensbildungsfonds auflegen, um den individuellen Aufwand bei Aktienanlegern zu reduzieren. Außerdem wäre es sinnvoll, einen Staatsfonds nach dem Vorbild Norwegens zu gründen, der dringend benötigte Finanzmittel für Zukunftsinvestitionen in Infrastruktur und Digitalisierung sammelt. So wären Anleger an der verbesserten volkswirtschaftlichen Substanz beteiligt.

Aktien als Sachkapital gehören zur Altersvorsorge. Alles andere ist unverantwortliche Ruhestandspolitik.

Rechtliche Hinweise / Disclaimer und Grundsätze zum Umgang mit Interessenkonflikten der Baader Bank AG.

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