Montag, 19. November 2018

Benzinpreis auf Rekordhoch "Es gibt auf dem Ölmarkt immer wieder Manipulationen"

Ölförderung in den USA: Der Rohstoff hat sich in den vergangenen Monaten deutlich verteuert. In Deutschland erreichen die Spritpreise Rekordhöhen

Trotz Konjunkturflaute steigt der Ölpreis - warum eigentlich? Ölexperte Steffen Bukold erklärt, auf welch komplexe Weise der Preis täglich entsteht, warum viele Anleger auf die falsche Ölsorte wetten und welche Folgen die systematischen Ungleichgewichte und Kartelle auf dem Ölmarkt haben.

mm: Herr Bukold, seit dem Skandal um die Manipulation des Libor-Zinssatzes gibt es Mutmaßungen, so etwas könnte auch am Ölmarkt passieren, da die Preise dort auf ähnliche Weise bestimmt würden. Was meinen Sie, wird der Ölpreis manipuliert?

Bukold: Das hängt davon ab, was Sie unter Manipulation verstehen. Es gibt im Markt ein großes Kartell, die Opec, und in Spezialmärkten einzelne dominante Anbieter. Aber der Vergleich mit dem Libor-Skandal passt nicht.

mm: Weshalb nicht?

Bukold: Aus vielerlei Gründen. Es gibt natürlich auch im Rohöl- und Produktenmarkt immer wieder illegale Manipulationen, wie in anderen Branchen auch. In den USA wird alle paar Wochen ein Unternehmen zu Bußgeldern verurteilt, zum Beispiel, weil es versucht hat, in einer bestimmten Region den Benzinpreis im Großhandel in die Höhe zu treiben. Dass es jedoch einen systematischen Zusammenhang gibt zwischen Preisagenturen und Marktteilnehmern, mit illegalen Absprachen also, halte ich für sehr unwahrscheinlich.

mm: Sie sprechen die Preisagenturen an, die bei der Preisfindung im Ölmarkt eine zentrale Rolle spielen. Ähnlich wie bei der Libor-Ermittlung befragen diese Agenturen regelmäßig Marktteilnehmer, um daraufhin den Ölpreis festzustellen. Bietet dieses System nicht zumindest die theoretische Möglichkeit zur Manipulation?

Bukold: Das System hat tatsächlich den Nachteil, dass es im Gegensatz zur Ölbörse nicht öffentlich ist. Die Mitarbeiter der Agenturen rufen Marktteilnehmer an, beispielsweise für den Diesel-Markt in Nordwesteuropa oder den Gasöl-Markt in Singapur. So bekommen sie bestimmte Informationen über tagesaktuelle Preise. Damit ist der Vorgang aber noch längst nicht abgeschlossen.

mm: Was folgt?

Bukold: Die Agenturen prüfen, ob die Angaben plausibel sind. Sie schauen auf die Preise auf anderen Märkten, auf die Börsenpreise, auf die Raffineriemargen und andere Indikatoren. Zudem muss so ein Preis in die Zeitfolge passen. Ein September-Preis kann beispielsweise nicht signifikant vom August- und Oktober-Preis abweichen, es sei denn, es wäre gut begründet. Und das ist nur der Check innerhalb der Preisagentur. Für die wichtigsten Märkte gibt es mehrere Agenturen, die im Wettbewerb stehen.

mm: Um es konkret zum machen, von welchen Gesellschaften sprechen wir zum Beispiel?

Bukold: Für Ölpreise in Europa gibt es vor allem die beiden großen Agenturen, die amerikanische Platts und die britische Argus. Hinzu kommt zum Beispiel ICIS und der Oil Market Report OMR in Norddeutschland. Aber auch Reuters und Bloomberg berichten darüber aus eigenen Quellen. Als Orientierungshilfe gibt es schließlich auch noch vereinzelt öffentliche Auktionen.

mm: Das heißt?

Bukold: Auf einer Auktion im sogenannten Platts Window wird beispielsweise eine Tankerladung Benzin für Rotterdam versteigert. Das Verfahren ist recht transparent, Käufer, Verkäufer und Preise sind realtime sichtbar.

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