Mittwoch, 24. Oktober 2018

Kunstexperte Hans Neuendorf "Kunstpreise stoßen nicht an Grenzen"

Kunstauktionen im Web: Warhol, Truman Capote und der Papst für 140.000 Dollar
Foto: artnet

2. Teil: "Ich würde bei Gerhard Richter short gehen"

mm: Ist die Entwicklung ein Indiz dafür, dass der Anteil der Käufer, die eher mit finanziellem Interesse an die Kunst herangehen, zugenommen hat?

Neuendorf: Ja, das ist natürlich so. Aber ich will diesen Käufern nicht unterstellen, dass sie kein Interesse an Kunst haben. Das ist schon noch das ursprüngliche Motiv. Aber die Unsicherheit darüber, was wertbeständig ist, führt dazu, dass angesichts der großen Summen, um die es heute geht, eher die sicheren Werte gekauft werden. Die vermeintlich sicheren, muss man allerdings sagen, denn wir sprechen ja von Moden, die kommen und gehen.

mm: Das heißt, dass beispielsweise ein Gerhard Richter in einigen Jahren auch wieder aus der Mode geraten kann.

Neuendorf: Ich würde sogar sagen, dass es sicher dazu kommen wird. Ich würde bei Richter deshalb short gehen, wie man am Finanzmarkt sagt (lacht). Die Preisentwicklung ist meiner Meinung nach überzogen. Die erwähnten Faktoren haben in diesem Fall ein sehr explosives Gemisch ergeben und die Preise nach oben getrieben. Das ist eine sich selbst verstärkende Entwicklung, die sich aber auch umkehren kann.

mm: Ohnehin bietet der Kunstmarkt alle Voraussetzungen, die für Spekulations- oder Preisblasen erforderlich sind: eine große, offenbar steigende Nachfrage, ein begrenztes Angebot und dazu relativ irrationale Kaufmotive, die sehr wechselhaft sein können. Wie groß schätzen Sie diese Gefahr ein?

Neuendorf: Das Risiko ist selbstverständlich gegeben. Das schöne an Kunstwerken ist ja gerade, dass sie keinen Wert haben. Das ist doch der Grund, aus dem die Preise teilweise ins Unermessliche steigen können. Wenn sie eine Immobilie haben, können sie den Wert ziemlich genau feststellen auf Basis der Mieterträge. Bei Kunstwerten gibt es weder eine Verzinsung noch einen Substanzwert. Deshalb stoßen die Preise nicht an natürliche Grenzen.

mm: Vergleichbar vielleicht mit Gold.

Neuendorf: Bei Gold ist es ähnlich, ja. Es gibt dort allerdings eine gewisse praktische Anwendung, zum Beispiel in der Schmuckindustrie. Kunst ist doch abstrakter.

mm: Insgesamt sind Sie offenbar sehr skeptisch in Bezug auf die Möglichkeit, Kunst zur Geldanlage einzusetzen.

Neuendorf: Ja, das kann man niemandem empfehlen.

mm: Es gibt aber Leute, die Kunst für eine eigene Assetklasse halten. Und es gibt Fonds, die auf diesen Bereich spezialisiert sind.

Neuendorf: Es hat immer Menschen gegeben, die einen Teil ihres Vermögens in Kunstwerken angelegt haben, weil sie wussten, dass diese Werte auch in Krisenzeiten überdauern. Zudem sind sie beweglich und haben noch weitere Vorteile gegenüber anderen Vermögenswerten. Insofern ist Kunst durchaus eine Kapitalanlage, und wer sich darauf versteht, kann auch günstig kaufen und Wertsteigerungen abwarten. Ich selber habe das gemacht. Ich bin allerdings Profi gewesen, andere sind das nicht.

mm: Und jenen würden Sie es nicht empfehlen?

Neuendorf: Richtig. Diejenigen dagegen, die etwas davon verstehen, tun es schon ganz automatisch. Das Preisniveau ist ja insgesamt inzwischen sehr stark gestiegen, verglichen zum Beispiel mit jenen Jahren, als ich anfing. Ein Kunstkauf hat daher immer auch den Charakter einer Investition. Ein Sammler, der ein Kunstwerk erwirbt, muss sich also beim Kauf fragen, ob er später beim Verkauf wieder einen entsprechenden Preis erzielen kann. Für diese Leute haben wir bei Artnet übrigens die Kunstindizes entwickelt, mit denen man die Preise einzelner Künstler genau verfolgen kann. Ohnehin hat unser Preisdatenspeicher Transparenz und Liquidität im Markt geschaffen und so entscheidend zum Preisauftrieb der vergangenen Jahre beigetragen. Ohne den Datenspeicher wären die gigantischen Preise heute überhaupt nicht möglich.

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