Mittwoch, 12. Dezember 2018

Geschäfte im Graumarkt Wie der TÜV die Kapitalanleger narrt

3. Teil: Dem Finanzvertrieb droht die ultimative Gefahr überhaupt

Vom TÜV war zu den Vorwürfen auf Anfrage keine Stellungnahme zu bekommen. Dass das kritische Gutachten ausgerechnet im Namen des AfW erscheint, ist indes nicht ohne. Mit rund 1300 Mitgliedsunternehmen und etwa 30.000 freien Finanzberatern in seinen Reihen ist der Verband wohl die größte Lobbyorganisation für Finanzvertriebler in Deutschland.

In der Pflicht: Der BGH hat Finanzberatern Vorgaben gemacht
Damit wendet sich ausgerechnet jene Berufsgruppe gegen den TÜV, deren Arbeit der Prüfverein angeblich unterstützen will. Die Prüfer schreiben auf der eigenen Website, sie gäben Finanzdienstleistern "ein starkes Marketingargument an die Hand, das ihnen die Kundenberatung erleichtert und ihren Auftritt bei den Endkunden verbessert." Von 500 befragten Vertriebsmitarbeitern seien mehr als 80 Prozent überzeugt, die Plausibilität eines Fonds mit einem TÜV-Zertifikat beim Kunden leichter darstellen zu können, heißt es weiter.

Die Realität sieht aber wohl anders aus. Anlageberater, die die TÜV-Gutachten tatsächlich im Verkauf einsetzen, begeben sich damit möglicherweise auf sehr dünnes Eis. Was ihnen droht ist nicht weniger als die ultimative Gefahr im Finanzvertrieb überhaupt: die Haftungsfalle. "Der Bundesgerichtshof hat Finanzberatern auferlegt, dass sie Anlageangebote rechtlich, steuerlich und wirtschaftlich auf Plausibilität prüfen müssen, bevor sie sie verkaufen", erläutert Johannes Fiala, Anwalt und Fachmann für Kapitalanlagerecht. "Tun sie dies nicht, so laufen sie Gefahr, später für eventuelle Verluste haftbar gemacht zu werden."

Die vom BGH geforderte Plausibilitätsprüfung, mit der sich der Berater davor absichern kann, kann das TÜV-Gutachten laut Fiala nicht ersetzen.

Der AfW hat diese Gefahr erkannt. Norman Wirth, Berliner Rechtsanwalt und Vorstand des Beraterverbandes, verweist zudem auf eine ohnehin längst etablierte Praxis der Fondsbegutachtung. "Das Maß aller Dinge bei der Prospektprüfung ist der IDW S4, der Prüfstandard der Wirtschaftsprüfer also", sagt Wirth. "Der TÜV rückt mit seinen Aktivitäten in Konkurrenz dazu, bleibt inhaltlich aber weit dahinter zurück." Anleger und Vermittler bekommen nach Ansicht des Experten dadurch ein trügerisches Gefühl von Sicherheit. "Das vorliegende Gutachten ist jedenfalls eindeutiger Beleg dafür, dass ein Finanz-TÜV durch den TÜV nicht zielführend ist", sagt Wirth.

Zum Hintergrund: Die im Institut der Wirtschaftsprüfer (IDW) organisierten Revisoren begutachten Emissionsprospekte seit Jahren nach dem selbst entwickelten Standard IDW S4. Schätzungsweise 70 bis 80 Prozent aller geschlossenen Fonds, die in Deutschland vertrieben werden, durchlaufen diesen Prospektcheck. Dabei werden sowohl die wirtschaftlichen als auch die rechtlichen und steuerlichen Aspekte einer Beteiligungsofferte gründlich durchleuchtet. "Wurde ein IDW S4-Gutachten für einen Fonds erstellt, so sind weitere Prüfgutachten eigentlich überflüssig", sagt Wolfgang Kemsat, selbst Wirtschaftsprüfer und Leiter des entsprechenden Arbeitskreises beim IDW.

© manager magazin 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der manager magazin Verlagsgesellschaft mbH