Freitag, 16. November 2018

Lebensversicherer "Keiner lässt sich gern in die Karten schauen"

Am Ende zählt, was übrig bleibt. Das gilt auch für die Lebensversicherung. Doch kaum ein Kunde versteht seinen Vertrag, noch kennt er dessen Kosten. Eine Verordnung soll die Transparenz erhöhen. Wird sie ihr Ziel erreichen? Wie viel und welche Informationen braucht der Verbraucher wirklich? Ein Interview mit dem Experten Oskar Goecke.

mm.de: Das neue Versicherungsvertragsgesetz tritt zum 1. Januar 2008 in Kraft und soll mehr Transparenz für die Kunden bringen. Der dazu entscheidende Verordnungsentwurf wird hinter den Kulissen noch scharf verhandelt. Die Branche ist aufgebracht, spricht von verordneter Intransparenz. Vereinzelt wird erwogen, gegen die neuen Vorschriften zu klagen. Warum tut sich die deutsche Versicherungswirtschaft so schwer mit mehr Transparenz?

"Ich bin da skeptisch": Oskar Goecke, Professor und geschäftsführender Direktor am Institut für Versicherungswesen der Fachhochschule Köln
Goecke: Es war ja die Deutsche Vermögensberatung AG, die angedeutet hat, sie prüfe die Möglichkeit einer Klage. Wir müssen sehen, dass es sich hier um eine Vertriebsorganisation handelt, die befürchtet, künftig die Verdienste ihrer Vermittler offenlegen zu müssen. Mit Abstrichen gilt das sicherlich auch für die Versicherungswirtschaft, eine Klage aus dieser Richtung erwarte ich indes nicht. Gleichwohl lässt sich nun einmal kein Dienstleister bei seiner Tarifgestaltung gern in die Karten schauen, weder ein Strom- noch ein Versicherungskonzern.

mm.de: Sehen Sie weitere Motive für den Widerstand der Assekuranz?

Goecke: Die Lebensversicherer monieren, sie seien bei der Darstellung der Kosten gegenüber der Fondsindustrie im Wettbewerb benachteiligt. Zudem wird der Vertragsabschluss künftig von einer Papierflut begleitet. Diesen bürokratischen Aufwand möchte die Assekuranz möglichst umgehen.

mm.de: Wird der Verbraucher die Informationsflut, die künftig auf ihn zurollt, bewältigen können?

Goecke: Ich bin da skeptisch. Der Verbraucher hat bereits in der Vergangenheit viele Informationen zu seinem Vertrag erhalten, künftig werden es noch mehr. Zwar bekommt er die wichtigsten Fakten auf einem Informationsblatt ausgehändigt. Doch darüber hinaus erhält er zahlreiche weitere Informationen, etwa über Modellrechnungen und ihre Hintergründe. Ich gehe davon aus, dass sich nur die wenigsten Kunden in diese Papierflut stürzen wollen. Nolens volens werden sie in Zukunft verstärkt wieder einfach dem Versicherer vertrauen oder vertrauen müssen.

mm.de: Lebensversicherer stehen immer wieder in der Kritik, sie verschleierten ihre Kosten, die die Vertragsrendite nicht unerheblich beeinflussen können. Welche Kosten hat ein Versicherer überhaupt, die er seinen Kunden ja indirekt in Rechnung stellt?

Goecke: Die Besonderheit einer Lebensversicherung ist, dass die Beiträge der Kunden komplett in einen Topf wandern, aus dem alle Versicherungsleistungen und alle Kosten bestritten werden. Zu den Kosten zählen unter anderem jene für die Vermittlung und den Abschluss des Vertrags, für die Verwaltung und die Kapitalanlage, für die Versicherungsaufsicht aber genauso für die Absicherung des Todesfalls. Das heißt, der Kunde trägt letztlich alle Kosten, die bei einem Versicherer anfallen, und sie belasten selbstverständlich die Überschussbeteiligung.

Die wichtigste Kundeninformation ist aber aus meiner Sicht, wie effizient ein Versicherer arbeitet. Und ich glaube nicht, dass die Darstellung der eingerechneten Kosten dem Verbraucher dabei wirklich hilft. Will er herausfinden, wie gut oder wie schwach ein Anbieter wirklich ist, wird er auf Unternehmensvergleiche zum Beispiel von Ratingagenturen kaum verzichten können.

© manager magazin 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der manager magazin Verlagsgesellschaft mbH