Sonntag, 16. Dezember 2018

Volksaktien Mit Vorzug im Nachteil

2. Teil: Das erste Leben der Volksaktie

Das erste Leben der Volksaktie

Schon der Begriff "Volksaktie" entstammt dem Versuch der CDU, die Bürger mit dem Kapitalmarkt und dem unbeliebten Verkauf von Staatsunternehmen zu versöhnen. Im Bundestagswahlkampf 1957 setzten sich die Christdemokraten für die Privatisierung von Volkswagen Börsen-Chart zeigen ein. Aus dem Wirtschaftsministerium Ludwig Erhards wurde die Idee der "Volksaktie" lanciert. Das Volk müsste sich zwar von seinem Eigentum trennen, bekäme aber die Gelegenheit es zurückzukaufen und daran auch noch doppelt zu verdienen: mit dem Erlös für den Staatshaushalt und Gewinnen im privaten Depot.

Vater der Volksaktie: CDU-Bundeswirtschaftsminister und -Bundeskanzler Erhard
Vor allem Geringverdiener sollten zu Aktionären werden. Andere Instrumente zur Vermögensbildung von Arbeitnehmern gab es noch nicht. Tatsächlich kauften 1959 rund 220.000 Kleinaktionäre Anteile der bis dato staatlichen Preußischen Bergwerks- und Hütten-AG (Preussag, heute Tui Börsen-Chart zeigen). Die erste Volksaktie war geboren. Der damalige Finanzminister Werner Dollinger pries das "gute und sichere Papier für eine langfristige Kapitalanlage".

Zwei Jahre später wechselten schon 1,1 Millionen VW-Aktien mit einem Nennwert von 100 D-Mark den Besitzer. Regulär mussten die Anleger dafür 350 Mark bezahlen, Geringverdiener bekamen für 280 Mark den Zuschlag.

Die mehrheitliche Privatisierung der Vereinigten Elektrizitäts- und Bergwerks-AG (Veba, inzwischen in Eon Börsen-Chart zeigen aufgegangen) 1965 schließlich brach alle Rekorde. Mehr als zwei Millionen Privatanleger kauften die Aktien zu einem Preis von 210 Mark. So breit ist bis heute keine andere Aktie in Deutschland gestreut worden. Verheiratete mit einem Jahreseinkommen unter 16.000 Mark bekamen eine Sonderzuteilung, ansonsten durfte jeder Zeichner nur zwei Aktien bekommen.

Das war der Höhepunkt der Erhard'schen Privatisierung, die gleichzeitig den Staatseinfluss in der Wirtschaft verminderte und die Deutschen mit Aktien vertraut machte. Doch zugleich war es das Ende. Nach einem kurzen Ausflug auf 240 Mark fielen die Veba-Aktien schon im ersten Jahr unter den Ausgabekurs und blieben da. Auch die VW-Titel, deren erste Eigner sich den Traum schneller Gewinne hatten erfüllen können, stürzte ab.

Nach der Volksaktie war nun auch der geprellte Volksaktionär erfunden. Auf der ersten Veba-Hauptversammlung blieben Zehntausende Würstchen unangerührt. Von Volksaktien, von Aktien überhaupt, wollte niemand mehr etwas hören. Immerhin weisen die damaligen Volksaktiengesellschaften bis heute einen hohen Anteil von Privatanlegern am gezeichneten Kapital zwischen 20 Prozent (Tui) und 35,5 Prozent (VW, allerdings nach Angaben von Ende 2006) aus.

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