Freitag, 16. November 2018

Hirnforschung "Besser als Sex"

Wir halten uns für rationale Anleger, dabei fahren unsere Gefühle regelmäßig mit uns Achterbahn. Das legen zumindest Erkenntnisse der Hirnforschung nahe. Im Gespräch mit manager-magazin.de verrät der amerikanische Autor Jason Zweig, wie wir in Gelddingen ticken und wie sich teure Fehler vermeiden lassen.

mm.de: Herr Zweig, Ihr neues Buch beschäftigt sich mit der noch relativ jungen Wissenschaft Neuroökonomie. Was kann man sich darunter vorstellen?

Vernunftfrage: Wie wir uns in Sachen Geldanlage verhalten, beschreibt der amerikanische Finanzjournalist Jason Zweig ("Money", "Time") in seinem Buch "Gier"
Zweig: Neuroökonomie ist eine Kombination aus Neuro- und Wirtschaftswissenschaften vermischt mit etwas Psychologie. Mit Hilfe neurowissenschaftlicher Untersuchungsmethoden wie Computertomografie, Magnetresonanztomografie oder Elektroenzephalografie wird versucht, wirtschaftliche Verhaltensweisen zu analysieren. Man kann quasi dem Gehirn beim Arbeiten zuschauen.

mm.de: Sie schreiben, dass sich neuronale Aktivitäten von Menschen, die investieren, und von jemandem im Drogenrausch kaum unterscheiden. Heißt das, dass Investoren prinzipiell so agieren als stünden sie unter Drogen?

Zweig: Nicht unbedingt. Aber wenn sich für jemanden Investitionen wieder und wieder gelohnt haben, dann ja. Dann weist er aller Wahrscheinlichkeit nach eine Menge ähnlicher Verhaltensweisen auf, wie ein Drogenabhängiger. Es wird sehr schwer, loszulassen, das eigene Verhalten zu ändern und Vorsicht walten zu lassen. Das Dopamin-System im Gehirn signalisiert, dass es nur Gewinne gibt. Was leider nicht der Fall ist.

mm.de: Heißt das, das trifft auch auf erfolgreiche professionelle Investoren zu?

Zweig: Absolut! Es ist erwiesen, dass sich professionelle und Amateuranleger ziemlich ähnlich verhalten. Professionelle Anleger bekommen ihre Fehler nur deutlich besser bezahlt.

In meinem Berufsleben als Finanzjournalist habe ich über die Jahre Hunderte Geldmanager aus der ganzen Welt interviewt. Und dabei ist eines sehr deutlich geworden: Wenn sie schlechte Ergebnisse erzielen, ist der Markt schuld. Wenn sie gut abschneiden, liegt es am eigenen Können - glauben sie zumindest.

Verstehen Sie mich nicht falsch, ich will mich hier nicht lustig machen. Das ist urmenschlich - und in anderen Bereichen, beispielsweise im Sport nicht anders. Wenn man gewonnen hat, lag es am Team, wenn man verloren hat, war der Platz schlecht - oder etwas anderes.

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