Dienstag, 11. Dezember 2018

Rentenlücke Nur Beamte ohne Sorgen

Wir sparen zu wenig für das Alter, lautet die Botschaft einer Fidelity-Studie. Nichts Neues möchte man meinen - die übliche Depression eben. Doch kaum ist die neuartige Erhebung auf dem Markt, sorgt sie gleich für reichlich Kritik. Ein Streit über Angstmacherei, Beamte und die "wahre" Rentenlücke.

Hamburg - Zu spät, zu wenig, kaum renditeorientiert oder im schlimmsten Fall gar nicht - bei der Altersvorsorge stellen Studien den Deutschen durch die Bank weg ein schwaches Zeugnis aus. Das Kernergebnis solcher in Mode gekommenen Erhebungen ist immer gleich: Gemessen an der Höhe der zu erwartenden gesetzlichen Altersbezüge klafft am Ende eine bedrohliche "Rentenlücke". Diese Schreckensbelege zur finanziellen Unterversorgung im Alter nutzt die Finanzwirtschaft als Auftraggeber solcher Umfragen gern als Marketing-Vehikel.

Altersarmut: Studien zur Altersvorsorge sind zumeist erschreckende Lektüre
Jetzt hat mit Fidelity eine der weltweit führenden und vielfach ausgezeichneten Fondsgesellschaften repräsentativ bei rund 2000 Erwerbstätigen nachgefragt. Das Ergebnis ist erneut ernüchternd: Mit Rentenbeginn werden die Deutschen im Schnitt lediglich 56 Prozent ihres letzten Einkommens vor dem Ruhestand erreichen. Die "Rentenlücke" der erwerbstätigen Deutschen beträgt also 44 Prozent.

Der entscheidende Unterschied zu anderen Studien: Fidelity zieht nicht nur die geschätzten gesetzlichen Altersbezüge, sondern auch alle anderen möglichen Einnahmequellen wie Privat- und Betriebsrenten oder erwartete Erbschaften mit in die Bewertung ein und bildet daraus eine Art umfassenden Renten- und Alterssicherungsindex.

"Zwar sorgen inzwischen fast alle erwerbstätigen Deutschen zusätzlich für ihr Alter vor. Doch offensichtlich reichen alle bisherigen Bemühungen nicht aus, um den Lebensstandard im Alter auch nur annähernd halten zu können", sagt Klaus Mössle, Leiter des institutionellen Geschäftes von Fidelity International in Deutschland. Die Ergebnisse der Befragung seien "alarmierend", es bestehe "dringender Handlungsbedarf".

Derlei Warnungen lassen sich auch in weniger fundierten Erhebungen zur finanziellen Alterssicherung finden. Ebenso die aus dem Befund abgeleiteten Forderungen gleichen sich: Mehr aufklären, mehr Wissen vermitteln, mehr Anreize über Steuererleichterungen und stabile Rahmenbedingungen schaffen. Also nichts Neues von der Altersvorsorgefront, möchte man meinen - die übliche Depression eben.

"Fidelity klappert mit dem Sarg"

Doch kaum ist die Fidelity-Studie auf dem Markt, zieht sie zugleich die Aufmerksamkeit und Kritik auf sich. Die Boulevardpresse, im Geschäft mit der Angst bestens vertraut, weidet die Erhebung auf ihre Art aus: "Schock-Studie", "Alarm-Studie", "Vielen droht damit akut Altersarmut!".

Auch die Resonanz in einer angesehenen Finanzzeitung lässt nicht lange auf sich warten - allerdings mit umgekehrten Vorzeichen: "Fidelity klappert mit dem Sarg", so der Kommentar. Will sagen: Man male die Zukunft nur düster genug, und schon läuft der Produktabsatz.

Schließlich meldet sich gar der Deutsche Beamtenbund zu Wort, bezeichnet die Höhe des festgestellten Versorgungsgrads ihrer Klientel im Alter von durchschnittlich 93 Prozent als "absurd hoch gegriffen".

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