Mittwoch, 21. November 2018

Schwarzbuch Börse Heuschrecken und schwarze Schafe

2005 hatten Anleger wieder reichlich Grund zur Klage. In ihrem "Schwarzbuch Börse" listet die Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger auf, welche Skandalritter, Abzocker und Kurshasardeure ihr sauer aufgestoßen sind - darunter auch die Deutsche Telekom, Infineon und Citigroup. manager-magazin.de präsentiert die spektakulärsten Fälle.

München - Die Zeiten des Neuen Marktes und seiner spektakulären Anlegerskandale sind längst vorbei. Schwarze Schafe und dreiste Abzocker tummeln sich nach Ansicht der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK) aber nach wie vor auf dem Börsenparkett. Ob Managementfehler oder dubiose Steuertricks, unangemessen niedrige Übernahmeangebote oder Blockaden durch "räuberische Aktionäre", immer wieder sehen sich die Anleger um ihr Geld geprellt.

Skandale und Fehltritte an der Börse: Das Schwarzbuch Börse listet die größten Aufreger des Jahres 2005 auf
[M] DPA; mm.de
Skandale und Fehltritte an der Börse: Das Schwarzbuch Börse listet die größten Aufreger des Jahres 2005 auf
Mehr als 50 Unternehmen haben sich im vergangenen Jahr neu an der Börse listen lassen, sagte der SdK-Vorsitzende Klaus Schneider bei der Vorlage des "Schwarzbuch Börse 2005" am Dienstag in München. "Leider befinden sich unter den Zugängen nicht nur seriöse Unternehmen." Doch auch bekannte Traditionshäuser sind aus Anlegersicht nicht frei von Fehl und Tadel. Besonders sauer stoßen den SdK-Chronisten zudem die Geschäftsmethoden mancher milliardenschwerer Hedgefonds und Private-Equity-Gesellschaften auf.

In ihrem "Schwarzbuch Börse" prangern die Anlegerschützer alljährlich besonders spektakuläre Fälle an. Neben zahlreichen kleineren Unternehmen tauchen darin auch Namen wie die Deutsche Telekom Börsen-Chart zeigen oder Infineon Börsen-Chart zeigen auf. Die "goldene Zitrone" für den schlechtesten Börsengang des Jahres verlieh die SdK diesmal den Konsortialbanken des Bezahlfernsehsenders Premiere Börsen-Chart zeigen. manager-magazin.de präsentiert die zwölf auffälligsten Beispiele für Investorenschäden aus Sicht der Anlegerschützer - von AHBR bis T-Online.

 Allgemeine Hypothekenbank Rheinboden: Größter Anlegerschaden auf dem Genussscheinmarkt Investoren haben oft ein gutes Gedächtnis. Den Beinaheuntergang der einst zweitgrößten deutschen Hypothekenbank werden sie sicher viele Jahre lang nicht vergessen. Denn Deutschlands Investoren müssen nach Schätzungen der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK) zur Sanierung der Allgemeinen Hypothekenbank Rheinboden (AHBR) Millionen beisteuern - ohne je gefragt worden zu sein. Dabei waren andere für die Schieflage der Bank verantwortlich. Fehlspekulation. Die Hypothekenbanker hatten ihr eigenes Geldhaus in Schwierigkeiten gebracht, als sie nach den Terroranschlägen in New York am 11. September 2001 im großen Umfang auf steigende Zinsen spekulierten. Doch es kam anders: Nach einer kleinen Zinserholung bis zur Jahresmitte 2002 sanken die Zinsen auf breiter Front. In den Folgejahren markierte das Zinsniveau sogar mehrfach historische Tiefpunkte. Die Eigentümer der AHBR, die Gewerkschaftsholding BGAG und die Bausparkasse BHW , mussten ihrem Tochterinstitut daraufhin mehrfach frisches Geld überweisen. Die Bankenaufsicht hatte Druck gemacht. Dennoch kam die AHBR nicht mehr so recht auf die Beine. Die Eigentümer des Instituts begannen deshalb, einen Käufer für ihr Milliardengrab Rheinboden zu suchen. Notverkauf. Von all den anfänglich vielen Interessenten an der Hypothekenbank Rheinboden blieb schließlich nur der US-Finanzinvestor Lone Star über. Zahlen wollte er für die Bank zwar nichts. Aber der Finanzinvestor war zumindest bereit, das schwankende Institut gegen eine Mitgift in Höhe von 380 Millionen Euro zu übernehmen - im Nachhinein wohl auch zum Schaden der AHBR-Genussscheinbesitzer. Milliardenverlust. Lone Star kündigte direkt nach der Übernahme der angeschlagenen Bank an, alle bestehenden Risiken im Jahresabschluss 2005 aufzuführen. Daher wird die Bank offenbar bald einen Bilanzverlust in Höhe von 1,1 Milliarden bis 1,3 Milliarden Euro ausweisen. "Das aber trifft voll die Genussscheininhaber der Bank, die Genussscheinkapital in Höhe von 567 Millionen Euro auf sich vereinigen", sagt die SdK. Anlegerschaden. Genusscheine zählen zum Eigenkapital eines Unternehmens. Sinkt das aber wie jetzt im Falle von AHBR zu erwarten steht, verlieren die Genussscheinbesitzer weite Teile ihrer Geldanlage. "Schätzungen zufolge beträgt der Verlust für die AHBR-Genussscheininhaber zwischen zwei Drittel und drei Viertel des Nennbetrages ihrer Wertpapiere", sagen die Kleinaktionärsschützer. "Ändert sich an der Lage nichts, tritt damit das größte Verlustereignis in der Geschichte des Genussscheinmarktes ein."  Borussia Dortmund: Gläubiger und Anleger zahlen die Zeche Deutschlands einziger börsennotierter Fußballclub Borussia Dortmund schockierte seine Aktionäre im Februar 2005 mit dem Eingeständnis, durch die verschwenderische Geschäftspolitik seines Managements in eine "existenzbedrohende Ertrags- und Finanzsituation" gerutscht zu sein. Für das Geschäftsjahr 2004/05 wies der BVB einen Verlust von fast 80 Millionen Euro aus. Mehr als drei Viertel des Unternehmenskapitals waren aufgezehrt. Die drohende Pleite hätte den Traditionsverein auch die Spiellizenz für die Bundesliga gekostet. Rettung in letzter Minute: . Um das zu verhindern, einigten sich die Gläubiger, millionenschwere Altkredite zu stunden. Die Anteilseigner des Molsiris-Fonds der Commerzbank, der 2003 das Westfalenstadion gekauft hatte, stimmten der Rückabwicklung von 42,8 Prozent der Stadionanteile zu. Selbst die Namensrechte der Fußballarena hat der BVB inzwischen verpfändet. Vereinspräsident Gerd Niebaum und Geschäftsführer Michael Meier traten nach langem Zögern zurück. Meier ist mittlerweile Manager des 1.FC Köln.  CE Consumer: Das Anlegerschauspiel geht weiter Die Geschichte des Chipbrokers CE Consumer stellt sich für die SdK als ein einziges Trauerspiel dar. 1976 von Erich J. Lejeune und Partner Herbert E. Gaus gegründet, wird das Unternehmen 1998 am Neuen Markt notiert. Ende 2001 verfügt CE trotz des "großzügigen Umgangs" mit dem ihm anvertrauten Geld noch über ein Eigenkapital von rund 112 Millionen Euro. Im Sommer desselben Jahres übernimmt CE die restlichen Anteile an dem seinerzeit drittgrößten US-Chipbroker SND Electronics . Lejeune spricht im Juli 2002 von einem wahrhaft großen "Brocken". Der "Brocken" scheint der Anfang vom Ende zu sein. Es folgen Wertkorrekturen, und gut dreieinhalb Jahre nach Lejeunes Aussage ist das gesamte Eigenkapital aufgebraucht. Ungleichbehandlung. Der 7. Dezember vergangenen Jahres sollte der Tag der Wende werden. Auf der außerordentlichen Hauptversammlung scheitert zunächst der Antrag auf einen radikalen Kapitalschnitt an der erforderlichen Dreiviertelmehrheit, obwohl Aktionäre zuvor von dem Unternehmen unter Druck gesetzt worden sein sollen. Leidgeprüfte CE-Aktionäre müssten laut SdK für eine künftige Beteiligung an CE rund 4,50 Euro je Aktie aufwenden, institutionelle Investoren und der neue Vorstandschef lediglich einen Euro. In einer dreistündigen Pause gelingt es dem Management, Stimmanteile auf seine Seite zu ziehen. Der leicht veränderte Tagesordnungspunkt "Kapitalschnitt" erhält die erforderliche Stimmenmehrheit. Aber selbst wenn das Vertrauen verspielt sei, das Schauspiel mit CE Consumer gehe weiter. Das Drehbuch dafür hat die SdK bereits geschrieben. Prozess. Die Anlegerschützer halten die Beschlussfassung der Hauptversammlung für rechtswidrig. Sie wollen deshalb ihr Recht vor Gericht einfordern. Die entsprechende Anfechtungsklage liegt dem Landgericht München bereits vor.  Celanese: Heuschrecken und Trittbrettfahrer Im Dezember 2003 bot der US-Investor Blackstone den Aktionären des Chemiekonzerns Celanese an, ihre Anteile für jeweils 32,50 Euro zu übernehmen. Die überwiegende Mehrheit der Anleger stimmte dem zu. 11,4 Prozent an Celanese hatten sich jedoch laut SdK kurzfristig die US-Hedgefonds Paulson und Bleichroeder gesichert. Denen machte Blackstone im Rahmen eines Beherrschungsvertrags ein Pflichtangebot - diesmal über 41,92 Euro je Aktie. Eine Nachbesserungspflicht für jene Anleger, die bereits verkauft hatten, bestand nicht, kritisieren die Aktionärsschützer. Die Hedgefonds lehnten das Angebot allerdings ab. Lukrativ. Ende 2004 gliederte Blackstone das Celanese-Amerika-Geschäft aus und brachte es kurz darauf unter dem Namen Celanese Corp. an die New Yorker Börse. Laut SdK-Berechnungen habe der Emissionserlös bei rund 800 Millionen Dollar gelegen. Zuvor, so schreiben die Aktionärsschützer, habe sich der US-Investor zudem eine durch Anleihen finanzierte Ausschüttung von 500 Millionen Dollar genehmigt und Celanese rund 100 Millionen Dollar Honorar für einen Beratervertrag in Rechnung gestellt. Einigung. Die verbliebenen Anleger, unter ihnen die beiden US-Hedgefonds, fochten diese Vorgänge juristisch an. Zur Überraschung der Anlegerschützer einigten sich die Hedgefonds mit Blackstone im August 2005 jedoch auf einen Deal: Für 53 Euro je Aktie verkauften sie ihren Celanese-Anteil - und legten ihre Anfechtungsklagen zu den Akten. Den wenigen verbliebenen Aktionären stehe nun ein Squeeze-out bevor, so die SdK. Schuldenberg. Nach Schätzungen der Aktionärsschützer haben die Hedgefonds damit binnen 18 Monaten eine Rendite von mindestens 30 bis 50 Prozent gemacht. Blackstone selbst habe sein eingesetztes Kapital von rund 650 Millionen Dollar fast verdoppelt. Die Celanese Corp. indessen, so rechnet die SdK vor, stehe nun mit einer Nettoverschuldung von 3,1 Milliarden Dollar bei einem Umsatz von 5,1 Milliarden Dollar da.
 Citigroup: Rentenmarkt manipuliert? Auch die weltgrößte Bank findet in diesem Jahr einen Eintrag über sich im "Schwarzbuch Börse" der SdK. Der Vorfall ereignete sich ausgerechnet auf dem Rentenmarkt - nach Meinung vieler Anleger das am wenigsten gefährliche Wertpapiersegment. Lukrativ. Die europäische Rentenhandelsabteilung der Citigroup löste im August vergangenen Jahres laut SdK mit "gezielten Manipulationen" einen Kurssturz am Markt für Euro-Staatsanleihen aus. Wenig später nutzten dieselben Händler die selbst herbeigeführte Marktbewegung dazu aus, um sich auf günstigem Niveau wieder billig mit Papieren einzudecken. Dies habe der Bank binnen Minuten nicht nur hohe Gewinne beschert. Das kurzeitige Kurschaos sollte auch kleinere Marktteilnehmer dauerhaft verunsichern und aus dem Markt drängen, schreibt die SdK unter Berufung auf bekannt gewordene interne Papiere der Citigroup. Bedauerlich. Diese Handelsstrategie hätten die Händler mit Vorgesetzten abgesprochen. Wie weit der Vorstand der weltgrößten Bank in die Aktion eingeweiht war, wurde nie bekannt. Citigroup-Chef Charles Prince hätte damals von einer "hirnrissigen Aktion" seiner Händler gesprochen, den Vorwurf gezielter Marktmanipulation aber strikt zurückgewiesen. Die Transaktionen seien zwar wegen der negativen Folgen für die anderen Marktteilnehmer "bedauerlich" gewesen, so der Konzernchef, aber völlig legal. Gleichwohl begann die Staatsanwaltschaft in Deutschland Ermittlungen gegen die verantwortlichen Händler. Zahlreiche europäische Regierungen verzichteten in Folge des Skandals darauf, die Citigroup in ihre Emissionskonsortien einzuladen. Der Marktanteil der Bank im Geschäft von syndizierten Euro-Regierungsanleihen brach in den fünf Monaten nach dem Skandal von 5,7 Prozent auf 0,3 Prozent ein, schreibt die SdK. Die Bank habe damit ihre "gerechte Strafe" erhalten.  Grohe: Heuschrecken-Musterfall Der Fall des sauerländischen Sanitäranlagenherstellers Grohe ist nach Ansicht der SdK ein Paradebeispiel für die Geschäftspraktiken rücksichtsloser Firmenjäger, so genannter "Heuschrecken". 1999 verkaufte die Gründerfamilie Grohe ihre Firmenanteile an die Private-Equity-Gesellschaft BC Partners . Nach Schätzungen der SdK soll der Preis zwischen 900 Millionen und 1,3 Milliarden Euro gelegen haben. Der Investor finanzierte den Kauf größtenteils mit Krediten und Anleihen, die Grohe nun bedienen musste. Die hohe Zinslast, so kritisieren die Aktionärsschützer, stürzte Grohe in die roten Zahlen - obwohl das Geschäft operativ Gewinn machte. Weiterverkauf. Mitte 2004 reichten BC Partners das Sanitärunternehmen an die amerikanische Texas Pacific Group und die Credit Suisse First Boston weiter - diesmal, so schätzt die SdK, für 1,5 bis 1,8 Milliarden Dollar. Auch diesen Deal finanzierten die neuen Eigner über Kredite, die sie Grohe aufbürdeten. Eine weitere Hochzinsanleihe sollte dabei helfen, alte Zinslasten vorzeitig abzulösen. Der Schuldenberg stieg jedoch weiter. Rücksichtslos. Um das Unternehmen zu retten, legten die neuen Investoren ein radikales Konzept vor: Bis 2008 sollen alle deutschen Grohe-Werke geschlossen und die Produktion in Billiglohnländer verlagert werden. Ein Gutachten der Unternehmensberatung McKinsey empfehle, lediglich das Stammwerk in Hemer zu behalten, schreibt die SdK. Mindestens 1500 Mitarbeiter sollen demnach entlassen werden. Aufgebürdet. Das Beipiel Grohe, so kritisieren die Anlegerschützer, zeige prototypisch, dass das "Interesse der Investoren an den übernommenen Unternehmen immer nur kurzfristig ist." Einziges Ziel sei es, die Firmen möglichst schnell mit möglichst viel Gewinn weiterzuverkaufen. "Weil sie den Großteil des Kaufpreises auf Kredit finanzieren und die Kredite vom übernommenen Unternehmen abstottern lassen, trägt dieses letztlich den Großteil des finanziellen Risikos der Übernahme und nicht der Investor", so die SdK. Die Leidtragenden seien am Ende die Mitarbeiter.  Infineon: Selbstzerschlagung ohne Mitbestimmunmg Schwarze Zahlen haben bei dem Chiphersteller Infineon Seltenheitswert. Ein nennenswerter Gewinnausweis gelang der ehemaligen Siemens-Tochter lediglich im Jahr des Börsengangs, dem Geschäftsjahr 1999/2000. Für das Geschäftsjahr 2004/2005 (30. September) musste Infineon dagegen erneut einen Konzernverlust in dreistelliger Millionenhöhe vermelden. Mit der Abtrennung seiner Speicherchipsparte will der Vorstand nun gegensteuern. Schließlich sei dieser Infineon-Geschäftsbereich zu klein und dessen Ertragslage zu volatil, begründet der Vorstand seine Pläne. Obwohl Infineon mit diesem Geschäftsbereich rund 42 Prozent seines Umsatzes erwirtschaftet und eine Abtrennung praktisch die Zerschlagung des Konzerns bedeuten würde, wolle Infineon die Aktionäre aber nicht über den Schritt abstimmen lassen, moniert die SdK. Gleichwohl räumen die Aktionärsschützer ein, dass die Rechtslage in diesem Punkt umstritten ist. Satzungsänderung. Der dabei eigentlich umstrittene Punkt aus ihrer Sicht: Anfang 2005 wollte Infineon seine Aktionäre einer "Treuepflicht" unterwerfen. Damit hätten Investoren, die während einer Hauptversammlung gegen wichtige Unternehmensentscheidungen stimmen oder diese durch Anfechtungsklagen blockieren, auf Schadenersatz verklagt werden können. Der Vorschlag ging aber so nicht durch, jeglicher Hinweis auf eine Schadenersatzpflicht wurde gestrichen. Zukunftspläne. Ein Verkauf der Sparte ohne das Votum der Aktionäre könne jetzt in der Tat Anfechtungsklagen nach sich ziehen, so die SdK. Die Zukunft der Speicherchipsparte hinge damit in der Luft. Vorstandschef Wolfgang Ziebart spreche zwar offiziell immer wieder vom Börsengang, schloss aber zuletzt in einem Interview auch eine Lösung à la Bayer/Lanxess nicht aus. Auch könne die Sparte mit einem Kooperationspartner in ein Gemeinschaftsunternehmen eingebracht werden. Doch auch bei diesen Varianten ließe sich über ein Mitbestimmungsrecht der Aktionäre streiten, schreibt die SdK.  IWKA: Gesundschrumpfung oder Zerschlagung? Die Zukunft des Maschinenbaukonzerns IWKA ist nach Einschätzung der SdK offen. Als der US-Investor Guy Wyser-Pratte Ende 2003 bei dem Konzern einstieg, habe er umgehend versucht, Einfluss auf die Konzernführung zu nehmen und die Konzentration auf die margenstarke Robotersparte gefordert, schreibt die SdK in ihrem "Schwarzbuch Börse 2005". Vorstandschef Hans Fahr habe dies als eine klare Forderung nach der Zerschlagung des Konzerns interpretiert. Er wurde zum erbitterten Widersacher Wyser-Prattes. Der Machtkampf eskalierte - noch unmittelbar vor der Hauptversammlung Anfang Juni vergangenen Jahres trat Fahr von seinem Posten zurück, auch mehrere Aufsichtsräte legten ihr Amt nieder. Weitere Vorstände sollten folgen. Filetieren. "Doch mittlerweile ist IWKA tief in die roten Zahlen gerutscht und sogar die Robotersparte schreibt Verluste", heißt es in dem Schwarzbuch. Daher habe Wyser-Pratte seine Meinung geändert: Statt einer Konzentration auf die Robotik wolle er jetzt offenbar die Totalzerschlagung des Konzerns. In der Presse ließ er sich jedenfalls mit den Worten zitieren, er habe bereits für jede Sparte einen Interessenten. Umbaupläne. Mit diesen Plänen könnte Wyser-Pratte erneut auf Widerstand stoßen. Denn auch der neue Vorstandschef Wolfgang-Dietrich Hein wolle an der Drei-Säulen-Strategie mit Automotive, Robotik und Verpackungstechnik festhalten. Anders als sein Vorgänger Fahr sei er aber zu radikalen Umbauschritten bereit und wolle alle Randbereiche abstoßen. Hein werde sich gleichwohl lieber als erfolgreicher Sanierer denn als Zerleger von IWKA profilieren wollen. Ein neuer heftiger Machtkampf zwischen dem US-Großaktionär und dem Vorstand sei deshalb nicht auszuschließen, befürchten die Aktionärsschützer.
 Leica: Berufskläger gefährden Sanierung Den Boom der digitalen Fotografie hat die Traditionsmarke Leica verschlafen. Das brachte den Kamerahersteller im Geschäftsjahr 2004/2005 ins Straucheln: Der Umsatz brach ein und Leica rutschte tief in die roten Zahlen. Das Grundkapital schmolz auf die Hälfte zusammen. Auf einer außerordentlichen Hauptversammlung beschlossen die Aktionäre deshalb Ende Mai 2005 ein Sanierungskonzept, das einen Kapitalschnitt mit anschließender Kapitalerhöhung vorsah. Auch die beiden Großaktionäre, der französische Luxuskonzern Hermès und die Beteiligungsgesellschaft ACM signalisierten ihre Zustimmung. Klagewut. Fünf Kleinaktionäre reichten jedoch Anfechtungsklage gegen den Beschluss ein. Der SdK zufolge gehörten zu dem "ominösen Klägerkreis" offenbar so genannte "Berufskläger", die sich schon in anderen Fällen ihre Zustimmung durch Ausgleichszahlungen hatten abkaufen lassen. Angesichts der Klagen drohten nun auch die Großaktionäre das Sanierungsprogramm platzen zu lassen. Verfahrenskosten. "In letzter Minute", so schreibt die SdK, habe der als Sanierer eingesetzte neue Vorstandschef Josef Spichtig eine Einigung mit den widerspenstigen Aktionären erzielen können. Zwar beteuerte Leica, den Klägern seien keinerlei individuelle Vorteile gewährt worden. Doch wie es für Auseinandersetzung mit Berufsopponenten typisch ist, habe das Unternehmen die Verfahrenskosten übernommen. Schließlich wolle man die Quälgeister umstimmen.  Premiere: Bedenklichster Börsengang des Jahres Deutschlands Anleger haben das Börsendebüt des Bezahlsenders Premiere nicht vergessen. Banker der Credit Suisse First Boston, der HypoVereinsbank sowie von Morgan Stanley hatten die Anteilsscheine des Münchener Unternehmens im Frühjahr vergangenen Jahres zum Preis von 28 Euro an Privatanleger verkauft. Heute sind Premiere-Titel nur noch 14,85 Euro wert - ein Preisverfall in Höhe von fast 50 Prozent verglichen mit dem Ausgabekurs der Aktie. Nach Meinung der Anlegerschützer kam der Kurseinbruch nicht überraschend. "Zum Zeitpunkt des Börsengangs hatte Premiere gerade einmal ein profitables Geschäftsjahr hinter sich. Damals erinnerten die Analysen der Banken an altbekannte 'Hockey-Stick-Planungen', deren Eintrittswahrscheinlichkeit zumindest kritisch hinterfragt werden sollte", kommentierte das "GoingPublic Magazin", Medienpartner der Aktionärsschützer. Krisengewinnler. Den Konsortialführern des Börsengangs konnte die möglicherweise unstete Zukunft des Fernsehsenders Premiere nicht verborgen geblieben sein, kritisiert Klaus Schneider, Vorsitzender der SdK. Die Banken verkauften aber im Rahmen des Premiere-Börsengangs nicht nur rund zwölf Millionen Aktien, die aus einer Kapitalerhöhung stammten. Sie brachten auch bis zu 30 Millionen Premiere-Anteilsscheine von Altaktionären an neue Investoren. Nur gehörten die Banken nach Erkenntnissen der SdK schlicht selbst zu den Vorbesitzern. "Damit floss ein Großteil des Emissionserlöses den Altaktionären zu", stellt die Schutzgemeinschaft fest. Abschied. Damit nicht genug: Trotz der umfangreichen Umplatzierungen beim Börsengang hätten die Finanzinvestoren mit dem Verkauf weiterer Premiere-Aktien kaum bis zum Ende der gesetzlichen Haltefrist warten können. "Nach Abschluss dieser Periode verkauften Permira, die HypoVereinsbank, die Bayerische Landesbank sowie die österreichische Bank für Arbeit und Wirtschaft weitere 20,76 Millionen Premiere-Aktien", musste das Münchener Unternehmen in seinem Neun-Monatsbericht des Jahres 2005 selbst einräumen. Quittung. Die Aktionärsschützer vergeben seit 1999 die "IPO-Zitrone" für Börsengänge, die im jeweiligen Vorjahr besonders negativ aufgefallen sind. Die IPO-Zitrone 2005 gebürt ihrer Meinung nach Credit Suisse First Boston, der HypoVereinsbank sowie Morgan Stanley.  Sachsenmilch: Theo gegen den Rest der Kleinaktionäre Als Theobald Müller im Jahr 1996 die Mehrheit an der damals sich in Gesamtvollstreckung befindlichen Sachsenmilch AG erwarb, sei es ihm vor allem um die Nutzung der großen Verlustvorträge gegangen, schreibt die SdK. Die Kleinaktionäre dagegen, die immer noch rund 15 Prozent der Anteile an dem Unternehmen hielten, hätten bei seinen Überlegungen keine Rolle gespielt. Ein Squeeze-out wäre wohl für beide Seiten das Beste, mutmaßen die Aktionärsschützer. Wegen steuerlicher Nachteile scheide dieser Schritt aber aus. Der streitbare Chef der Müller-Milch-Gruppe wolle den Kleinaktionären nun zumindest aber das Leben so schwer wie möglich machen. Rausschmiss. Mit Erfolg, wie es scheint: Das Grundkapital wurde drastisch herabgesetzt. Eine Klage gegen diesen Schritt blieb erfolglos. Dem Beschluss zufolge sollen die Aktionäre für 75 alte Aktien mit dem Nominalwert 50 D-Mark eine neue mit dem rechnerischen Nennwert von 2,56 Euro erhalten. "Der Aktienkurs wird von heute 36 Euro auf 2700 Euro ansteigen", schreibt die SdK. Und alle Aktionäre, die weniger als 75 Papiere hielten, würden zwangsweise aus dem Unternehmen gedrängt. Steuervermeidung. Auch von den verbliebenen Aktionären dürften sich viele überlegen, ob sie weiter an Bord bleiben sollen. Denn obwohl die Sachsenmilch als Teil der Müller-Milch-Gruppe Gewinne schreibe, sollte zunächst keine Dividende an sie gezahlt werden. Auf Intervention der Aktionärsschützer erhielten die privaten Investoren jetzt die gesetzliche Mindestdividende von 4 Prozent - allerdings auf das neue Grundkapital, schreibt die SdK. Dies seien gerade mal 11 Euro-Cent bei einem Kurs von 2700 Euro. Und insgesamt bei einem Jahresüberschuss von 6,4 Millionen Euro in 2004 "nur lächerliche" 2200 Euro. Ziel dieser Strategie sei es, den Aktienkurs möglichst weit unter den tatsächlichen Wert zu drücken. Später solle, spekulieren die Aktionärsschützer, die gesamte Müller-Milch-Gruppe in das Unternehmen eingebracht und auf diesem Weg dann an die nächste Generation übergeben werden - "unter weitgehender Vermeidung der ansonsten wohl recht hohen Erbschaftsteuer", schreibt die SdK.  Familienstreit: Die Telekom und ihre Töchter Europas größte Telefongesellschaft gehört zu den erklärten Lieblingsgegnern der SdK. Dieses Jahr sicherte sich der Bonner Konzern die Aufmerksamkeit der Anlegerschützer mit seinem Versuch, die ehemalige Konzerntochter T-Online wieder in das Unternehmen einzugliedern. Dabei hatte die Deutsche Telekom ihre Internettochter T-Online erst im Jahr 2000 an die Börse gebracht. 27 Euro mussten die Anleger damals pro Aktie bezahlen. Vier Jahre später beschloss der Mutterkonzern, seine Onlinetochter wieder zurück ins Haus zu holen und T-Online von der Börse zu nehmen. Die Aktienkurse waren in der Zwischenzeit dramatisch gefallen. Der Telefonriese bot den T-Online-Aktionären, die 26 Prozent des Unternehmens hielten, daher 8,99 Euro je Anteil - gerade noch ein Drittel des Emissionspreises. Einkaufstour. "Der Versuch, die Onlinesparte nach dem teuren Börsengang auf Rekordkursniveau jetzt wieder zum Schnäppchenpreis zurückzukaufen, war offensichtlich", wettert die SdK deshalb gegen das Telekom-Angebot. Von der Welle der Empörung bei Anlegern und Aktionärsschützern, aber auch in der Politik, zeigte sich der Konzern freilich unbeeindruckt. Auch dass T-Online selbst das Angebot als zu niedrig bewertete und sich weigerte, seinen Aktionären die Annahme zu empfehlen, bremste den Mutterkonzern nicht. Denn, so die offizielle Begründung für eine Reintegration, eigenständig sei T-Online "nicht mehr wettbewerbsfähig". Verschmelzung. Weil viele Anleger diese Einschätzung nicht teilten, gelang es der Telekom nicht, die für ein Squeeze-out nötige Mehrheit von 95 Prozent der Anteile zu erreichen. Stattdessen strengte der Konzern eine Zwangsverschmelzung an, für die nur 75 Prozent Stimmenanteil nötig sind. Ein von der Hauptversammlung beschlossener Verschmelzungsbeschluss legte ein Umtauschverhältnis von 0,52 Telekom-Aktien pro T-Online-Aktie fest, mit denen die verbliebenen Aktionäre der Onlinetochter abgefunden werden sollten. Gegenwert: Rund 8 Euro je Aktie, also noch einmal weniger als das ursprüngliche Barangebot. Gerichtstermine. Zahlreiche Anfechtungsklagen blockieren das Verfahren seither. Mit dem Antrag auf eine sofortige Eintragung der Verschmelzung in das Handelsregister scheiterte T-Online vor dem Darmstädter Landgericht, da die Eintragung nicht mehr rückgängig zu machen wäre und damit einen "schwer wiegenden Eingriff in die Rechte der Kleinaktionäre" darstellen würde, zitiert die SdK aus dem Urteil. Die Entscheidung im Berufungsverfahren dazu steht noch aus. Weil die Verschmelzung daher aber bis zum 31. Januar 2006 nicht vollzogen worden ist, verzögert sich das Prozedere um mindestens ein Jahr.

Die übelsten Börsenfälle 2005
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Zu den erfreulichen Entwicklungen im Börsenjahr 2005 gehörte für die SdK die Stärkung der Aktionärsrechte durch ein Urteil des Bundesgerichtshofs im Fall des Medienunternehmens EM.TV Börsen-Chart zeigen. Darin sei erstmals entschieden worden, dass nicht nur der Vorstand einer Aktiengesellschaft für eine Falschmeldung haftbar ist, sondern auch die Firma als Gesamtschuldner. Dadurch steigen die Chancen geprellter Anleger, finanzielle Entschädigung für ihre Verluste zu erhalten.

Eine deutliche Warnung sprachen die Anlegerschützer vor Investments in Zertifikaten aus. "Wer als Anleger dieses Produkt nicht hundertprozentig versteht, sollte die Finger davonlassen", sagte SdK-Vorstand Markus Straub. Der schlecht geregelte Markt sei "für Banken eine Spielwiese, wo sie Millionen abzocken können", sagte der Aktionärsschützer: "Bei Zertifikaten können die Banken dem Anleger gegenüber alles machen."

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