Sonntag, 9. Dezember 2018

Corporate Governance Die Deutschland AG

Verglichen mit der internationalen Konkurrenz ist der Börsenwert der meisten deutschen Unternehmen äußerst niedrig. Kritiker sehen die Gründe dafür vor allem in der mangelnden Sorgfalt der Aufsichtsräte und der engen Verflechtung der "Altherrenriege" in der deutschen Wirtschaft.

Für jeden Investor ist der Begriff "Deutschland AG" das beste Argument, nicht in der "Berliner Republik" zu investieren. Lassen als Schatten-Vorstände agierende Aufsichtsratschefs und hinter verschlossenen Türen mit Arbeitnehmervertretern ausgeklüngelte Deals doch nicht gerade Transparenz und optimale Renditen erwarten.

Bundeskanzler Gerhard Schröder sieht das anders. "Die Bezeichnung Vorstandsvorsitzender der Deutschland AG würde ich akzeptieren", so der Kanzler auf die Frage, ob er seine jüngste Asien-Reise als ein Handlungsreisender der deutschen Wirtschaft absolvieren würde.

Schröder hat also keine Probleme damit, wenn Politik und Wirtschaft Hand in Hand auftreten. Daher gehörten seiner 180-köpfigen Delegation auch 47 Unternehmer und Top-Manager an. So begleiteten zum Beispiel die Vorstandsvorsitzenden der Allianz, Henning Schulte-Noelle, und der Bayer AG, Manfred Schneider, den Kanzler. Auch Deutsche-Bahn-Chef Hartmut Mehdorn durfte im Regierungs-Airbus mitfliegen.

Ein Männerbund mit fragwürdiger Tradition

Hatte der illustre Kanzler-Tross noch etwas von fröhlicher Klassenfahrt in den Fernen Osten, sind die täglichen Zustände in Deutschlands Unternehmen wirklich bedenklich. Jüngster Fall: DaimlerChrysler-Chef Jürgen Schrempp. Unter Umgehung der Aktiengesetze wurde sein Vertrag als Vorstandschef zwei Jahre vor Auslaufen seines bis dahin gültigen Kontrakts verlängert. Hilmar Kopper, Aufsichtsratsvorsitzender bei DaimlerChrysler und der Deutschen Bank, gilt als Initiator der vorzeitigen Verlängerung.

Das gleiche Spiel bei MG-Technologies. MG-Manager Kajo Neukirchen, ebenfalls ein Günstling der Deutschen Bank, spionierte seinen Großaktionär Otto Happel mit Hilfe eines Detektivs aus und bekam vom Aufsichtsratschef-Chef Helmut Werner zur Belohnung vorzeitig einen neuen Vertrag - Frechheit siegt.

Die zwei neuesten Beispiele für das Funktionieren des "Männerbundes" deutscher Manager sind nur die Fortsetzung einer Reihe von Skandalen, die von der Holzmann AG, über den Bau-Betrüger Jürgen Schneider bis hin zur Vulkan Werft reicht.

Viel beschäftigt oder überfordert?

Ironischerweise sind es gerade die mächtigsten Drahtzieher Deutschlands, die von den Aufsichtsräten mehr Mut fordern. Dort werde "fröhlich mit der Zunge im Mund" herumgeredet, amüsiert sich Multi-Aufsichtsrat Kopper. Sein legendärer Vorgänger bei der Deutschen Bank, Hermann Josef Abs, wurde noch deutlicher: "Die Hundehütte ist für den Hund, der Aufsichtsrat ist für die Katz."

Dass eine wirklich sorgfältige Aufsicht oftmals gar nicht möglich ist, macht die Mandatsliste des ehemaligen Vorstandsvorsitzenden der Commerzbank, Martin Kohlhaussen, deutlich. Ende 1999 saß er in den Aufsichtsräten von Bayer, Bertelsmann, Hochtief, Infineon, KarstadtQuelle, Schering, Linde, RheinHyp, Generali, DaimlerChrysler, Kreditanstalt für Wiederaufbau, Liquiditäts-Konsortialbank, Commerzbank International, Commerzbank Schweiz, Commerzbank South East Asia und Jupiter International.

Auch die Arbeitnehmervertreter tragen nicht unbedingt zu mehr Effizienz im Kontrollgremium bei. Sie zeigen sich so uninformiert wie die Vertreter der Kapitalseite und gehören zum Teil ebenfalls schon zum Establishment. Somit verkommen die Aufsichtsräte häufig zu einem reinen Debattierclub, der leider oft das Thema verfehlt.

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