Hamburg - Die Sorge ist messbar. Die Sorge vor der Rückkehr der Inflation. An der Bewertung inflationsgeschützter Anleihen lässt sich ablesen, wie stark sie bei Investoren ausgeprägt ist.
"Die Inflationserwartung an den Märkten nimmt sowohl für die USA als auch für den europäischen Raum seit Monaten zu", sagt Stefan Freytag, Vorstand der Wilhelm von Finck AG. "Im Januar 2009 spiegelte sich in der Bewertung der inflationsgeschützten Bundesanleihe mit fünf Jahren Laufzeit noch ein Erwartungswert von durchschnittlich 0,4 Prozent Geldentwertung pro Laufzeitjahr. Im Juli vergangenen Jahres waren es schon 0,85 Prozent." Inzwischen, so der Vermögensverwalter, ist der Wert auf 1,45 Prozent angestiegen. Tendenz: weiter steigend.
Woher kommen die Bedenken? Noch vor Jahresfrist machte in der Fachwelt das Wort von der Deflation, der Geldaufwertung also, die Runde. Der gesunkene Ölpreis und die schwächelnde Wirtschaft hatten dafür gesorgt, dass das Statistische Bundesamt monatelang Inflationsraten um die 0 Prozent bekannt geben konnte. Für das gesamte Jahr 2009 wurde lediglich ein Preisauftrieb von 0,4 Prozent gemessen - ein seit 22 Jahren nicht mehr erreichter Niedrigwert.
Im Dezember vergangenen Jahres drehte sich der Trend aber bereits wieder. Die Preise stiegen laut Statistischem Bundesamt im Vergleich zum Vorjahresmonat um 0,8 Prozent. Antreiber war vor allem der wieder gestiegene Ölpreis, der sich seit seinem Tief im Frühjahr 2009 schon wieder verdoppelt hat.
Die Frage, wie es weitergeht mit der Inflation, beschäftigt zunehmend auch die Notenbanken. Mit ihrer Niedrigzinspolitik haben sie den Märkten viel Geld für die Überwindung der Krise zur Verfügung gestellt. Je deutlicher nun wird, dass der Aufschwung in Gang kommt, desto drängender wird für die Zentralbanken die Frage, wann sie der Wirtschaft das Geld wieder entziehen können.
Auch in Frankfurt, wo am Donnerstag turnusgemäß der Rat der Europäischen Zentralbank (EZB) zusammenkommt, dürfte darüber heiß diskutiert werden. Dabei geraten EZB-Präsident Jean-Claude Trichet und seine Kollegen zunehmend ins Dilemma. Heben sie die Zinsen zu früh an, laufen sie Gefahr, die Wirtschaft abzuwürgen. Warten sie dagegen zu lange, so droht eben genau das einzutreten, was die Märkte befürchten und wovor Pessimisten seit Langem warnen: die Rückkehr der Inflation.
Eberhard Weinberger etwa, Vorstand der DJE Kapital AG, sagt zwar: "Kurzfristig sieht es nicht gerade nach Inflation aus. Dagegen sprechen die bekannten Argumente wie die Überkapazitäten in der Industrie sowie die Situation am Arbeitsmarkt, von der kein Druck zu Lohnerhöhungen ausgeht." Hinzu kommt, so Weinberger, dass die europäische Geldmenge M3, ein "guter Inflationsindikator", zuletzt erstmals geschrumpft ist.
Aber, so der Vermögensverwalter: Noch nie in der Geschichte wurden ähnliche "Abermilliardenbeträge" in das Weltfinanzsystem gepumpt wie in den vergangenen Monaten. Es sei daher denkbar, "dass am Ende - insbesondere, wenn die derzeit eifrig diskutierten Exitstrategien der Notenbanken auf sich warten lassen - doch noch inflationäre Tendenzen aufkommen".
Mit der Meinung steht Weinberger nicht allein da. Thomas Straubhaar zum Beispiel geht sogar noch ein deutliches Stück weiter. Der Chef des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts (HWWI), prophezeite im Interview mit manager magazin schon Mitte vergangenen Jahres "5 Prozent Inflation ab 2011".
Anlegern stellt sich angesichts solcher Aussichten vor allem eine Frage: Wie bringe ich mein Geld effektiv in Sicherheit? Wie schütze ich mein Vermögen vor der Inflation?
Eine einfache Frage, die sich nicht ganz so einfach beantworten lässt. Burkhard Allgeier, Chefökonom und Portfoliomanager bei der Privatbank Hauck & Aufhäuser, hat sich eingehend mit dem Thema beschäftigt. "Generell wird häufig gesagt, Sachwerte schützten vor Inflation", sagt er. "So pauschal ist die Aussage aber nicht richtig."
Bei Aktien zum Beispiel ist der Inflationsschutz laut Allgeier empirisch nicht nachweisbar. "Es gibt zwar Phasen, in denen Aktien die Inflation gut auffangen", sagt er. "Der Aktienmarkt ist aber deutlich volatiler als die Entwicklung des Geldwertes und hat zu viele andere Einflussfaktoren, als dass sich eine direkte Korrelation belegen ließe."
Vermögensverwalter Freytag stimmt dem zu: "In den 70er Jahren, als wir Inflationsraten zwischen 5 und 8 Prozent hatten, haben Aktien den Anlegern keine Freude gemacht", sagt er. "Der Markt hat sich seinerzeit eher bescheiden entwickelt." Der Hauptgrund dafür ist laut Freytag, dass die Inflation nicht nur den Konsumenten zu schaffen macht, sondern eben auch den Unternehmen, die zum Beispiel hohe Zinsen für ihre Fremdfinanzierung zahlen müssten. "Zudem schrumpfen ihre Margen, weil sie Steigerungen bei den Einkaufspreisen nicht immer in vollem Umfang an die Kunden weiterreichen können", sagt Freytag.
Bei Rohstoffen existiert die ebenfalls viel zitierte Inflationsresistenz laut Allgeier auch nur bedingt. "Rohstoffe bewegen sich mitunter parallel zur Inflation, schon allein deshalb, weil sie selbst - siehe Ölpreis - zu einem der wesentlichen Preistreiber geworden sind", sagt der Experte. "Die Märkte sind aber ähnlich den Aktienmärkten einer Vielzahl von Einflüssen ausgesetzt, die die Preise bewegen. Ein Investment dort hat daher weniger strategischen, absichernden, als vielmehr spekulativen Charakter."
Besser geeignet als Inflationsschutz sind nach Meinung der Experten dagegen Anlagen in - vornehmlich inflationsgeschützte - Anleihen, Gold und Immobilien.
"Entscheidend ist ja ohnehin grundsätzlich, in welchem Ausmaß der Anleger eine Inflation erwartet", sagt Allgeier. "Gold zum Beispiel hat sich in der Vergangenheit vor allem in Extremszenarien mit Geldentwertungsraten von 5, 10 oder noch mehr Prozent bewährt. Von solchen Entwicklungen sind wir aber derzeit noch weit entfernt."
Auch bei Immobilien gilt eine Einschränkung. Denn nicht jede Betongoldanlage erfüllt den Schutz gegen den Preisauftrieb im gleichen Maße. Vermögensverwalter Freytag etwa rät zu Objekten mit "konjunkturunabhängiger Lage und Ausstattung". Sprich: Nicht nach Büro- oder Einzelhandelsgebäuden, sondern nach Mehrparteienwohnhäusern sollte der Anleger Ausschau halten. Und zwar "in stabilen Lagen wirtschaftlich prosperierender Regionen wie Hamburg, München oder Stuttgart, die eine gute Mieterstruktur aufweisen".
Untersuchungen geben dem Anlageexperten Recht: Bei Immobilien verspricht vor allem das Wohnsegment den gewünschten Inflationsschutz.
Den sichersten Hafen für das von der Entwertung bedrohte Vermögen allerdings bieten nach Ansicht der meisten Fachleute Anleihen. "Wir empfehlen inflationsgeschützte Anleihen", sagt etwa Allgeier von Hauck & Aufhäuser. "Allerdings zeigen Untersuchungen, dass es bei der Frage des Kaufkrafterhalts auf lange Sicht gleichgültig ist, ob in inflationsgeschützte oder konventionelle Papiere investiert wird."
Wer sich tatsächlich für diese Alternative entscheidet, sollte bei der Auswahl der konkreten Offerte vor allem drei Kriterien im Auge haben: Die Bonität des Emittenten, die Laufzeit, sowie - bei Papieren mit Inflationsschutz - die Bewertung. "Aus der Bewertung geht die Erwartung des Marktes an die künftige Inflation hervor", sagt Freytag. "Liegt der tatsächliche Wert später darunter, hat der Investor ein schlechtes Geschäft gemacht. Liegt er darüber, war es ein gutes."
Zur Erinnerung: Bei Fünf-Jahres-Bundesanleihen mit Inflationsschutz ist derzeit eine Inflationserwartung von durchschnittlich etwa 1,45 Prozent pro Jahr "eingepreist". Wie realistisch das ist, muss jeder Anleger für sich entscheiden.
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