Von Lutz Reiche und Christoph Rottwilm
Hamburg - Kleine Kinder brauchen Orientierung. Vor einer Ampel etwa bläuen wir ihnen ein: "Bei Rot stehen, bei Grün gehen." Niemand würde den Sinn dieser Regel jemals in Frage stellen. Orientierung brauchen auch Verbraucher, zum Beispiel bei ihrer Altersvorsorge. Denn das Thema ist komplex und das Wissen vieler Kunden darüber oft genauso schwach ausgebildet wie ihre Bereitschaft, sich damit zu beschäftigen. Hier will die Verbraucherzentrale Hamburg mit dem jetzt erschienenen Ratgeber "Ampelcheck Geldanlage" Abhilfe schaffen. Die Versicherungswirtschaft ist über den Versuch entsetzt.
Geldanlage im Ampeltest: Bislang gibt es noch keine Ampelkennzeichnung von Finanzprodukten. Die Hamburger Verbraucherzentrale hat den Versuch jetzt gewagt - sehr zum Unwillen der Assekuranz. Denn ihre Produkte schneiden dabei denkbar schlecht ab. Ob nun Riester-Police, private Rentenversicherung oder Rürup-Rente - in dem jetzt erschienenen Ratgeber stufen die Verbraucherschützer die Lebensversicherung für die Altersvorsorge als ungeeignet ein.
Doch lässt sich dieses Prinzip so ohne weiteres auf Altersvorsorgeprodukte übertragen? Autorin Edda Castelló glaubt daran. So wie viele Verbraucher im Sinne einer gesunden Ernährung offenbar die falschen Produkte im Kühlschrank lagerten, lägen in den Depots der meisten Leute eben auch "schlecht ausgewählte, unpassende, riskante, undurchsichtige oder zu teure Anlagen".
Die Verantwortlichen sind dabei schnell ausgemacht. Die Mitarbeiter in Banken, Sparkassen und Versicherungen seien eben keine Berater sondern Verkäufer. "Sie empfehlen Produkte, an denen sie möglichst viel verdienen", schreibt die Verbraucherschützerin. Dies sollten sich die Verbraucher bewusst machen, der Ratgeber soll dazu einen Beitrag leisten. Mehr noch: "Auf einen Blick können Sie erkennen, ob Ihre Geldanlage zu Ihnen passt oder nicht", heißt es.
Mit der 44 Seiten starken Broschüre unternimmt die über die Bundeslandgrenzen hinaus bekannte Hamburger Verbraucherschutzzentrale den bislang einmaligen Versuch, die gängigsten Anlageprodukte - unterteilt in 16 Gruppen - einer Art Ampelprüfung zu unterziehen. Das heißt, die Sicherheit der Produkte, ihre Renditechancen, Liquidität und Transparenz werden über die drei Ampelfarben Rot ("Gefahr), Gelb ("Risiko vorhanden") und Grün ("empfehlenswert") klassifiziert und jeweils mit einem kurzen Satz kommentiert. Dabei sind Farbabstufungen möglich. Darüber hinaus gibt es eine abschließende Kurzempfehlung, ob das Produkt oder die Produktgruppe für die Altersvorsorge geeignet ist oder nicht.
Hier kommen die Lebensversicherer, die mit mehr als 90 Millionen verkauften Policen die beherrschende Branche in der Altersvorsorgeindustrie sind, unter dem Strich denkbar schlecht weg: Die Hamburger Verbraucherschützer halten sowohl die klassische Kapitallebensversicherung, die private Rentenversicherung (auch als fondsgebundene Variante) sowie den "Riester"-Versicherungsvertrag nicht geeignet für die private Altersvorsorge.
Das gleiche Votum fällt die Expertin auch für die "Rürup"-Rente, die restriktive Basis-Rente als Rentenversicherungsvertrag. Hier lautet die Zusatzempfehlung gar: "Bestehende Verträge schnell checken lassen und notfalls aussteigen!".
Antiquitäten und Briefmarken schneiden besser ab
Aktien, Aktienfonds, Anleihen sowie Riester-Fondsparpläne hingegen stuft die Hamburger Verbraucherzentrale zwar mit Einschränkungen unter dem Strich aber als geeignete Produkte für die Altersvorsorge ein. Durchweg "Grün" zeigt der Ampelcheck für Sparbuch, Festgeld, Tagesgeld, Bundeswertpapiere und den herkömmlichen "Riester"-Banksparplan. Ein wenig skurril wirkt die Sache dann in der Tat, wenn selbst Antiquitäten, Briefmarken oder Kunstgegenstände geeigneter für die Altersvorsorge sein sollen als die millionenfach verkaufte Lebensversicherung.
GDV: "Ergebnisse gehen völlig an der Realität vorbei"
Die Versicherungswirtschaft zeigt sich ob derlei Empfehlungen entsetzt. In einem an die Mitgliedsunternehmen gerichteten Schreiben des Gesamtverband Deutsche Versicherungswirtschaft (GDV) heißt es: "Die Ergebnisse der Untersuchung und die daraus resultierenden Empfehlungen gehen völlig an der Realität vorbei. Wer staatlich empfohlene und geförderte Produkte wie die Riester- oder Rürup-Rente, die zudem strengen Bedingungen unterliegen, als nicht geeignet für die Altersvorsorge beurteilt, führt die Verbraucher in die Irre statt sie bei ihrer Geldanlage sinnvoll zu unterstützen." Die Ampelbewertung der Hamburger Verbraucherzentrale hält der GDV schlicht für "unseriös und fehlerhaft".
Selbst unter Verbraucherschützern sei es Konsens, dass der Kunde individuell und auf seinen persönlichen Bedarf abgestimmt beraten werden müsse. Eine Ampelkennzeichnung könne aber immer nur pauschale Empfehlungen aussprechen. Orientierten sich die Kunden lediglich an der Ampelfarbe eines Produkts, liefen sie "große Gefahr, ihr Geld falsch zu investieren", macht GDV-Sprecherin Ulrike Pott weitere grundsätzliche Einwände geltend.
"Wer kontrolliert eigentlich die Kontrolleure?"
Ähnlich argumentiert Frank Rottenbacher, Vorstand des Arbeitgeberverbandes der finanzdienstleistenden Wirtschaft (AfW). "Wir verstehen das Verlangen nach einfachen Übersichten, aber die Welt ist leider komplexer", sagt Rottenbacher. Die Qualität von Finanzprodukten sei nun einmal nicht auf einen Blick zu erkennen, wie es der Ratgeber suggeriere. Unverblümt fordert der AfW die Landesregierungen und Bundesregierung auf, den Verbraucherschützern bei ihrer Arbeit stärker auf die Finger zu schauen.
"Es kann nicht sein, dass Steuergelder dafür verwendet werden, vor öffentlich geförderter Altersvorsorge zu warnen beziehungsweise bestimmte Formen sogar als Gefahr hinzustellen." Und GDV-Sprecherin Pott stellt sich die Frage: "Wer kontrolliert eigentlich die Kontrolleure?"
Assekuranz hat auch erhebliche methodische Bedenken
Der GDV macht auch starke methodische Bedenken gegen die Broschüre geltend: Kapitallebensversicherung, private Rentenversicherung und fondsgebundene Lebensversicherung würden trotz ihrer grundlegend unterschiedlichen Konzepte zusammen bewertet. "Besonders absurd" sei es, die klassische Kapitallebensversicherung mit der deutlich rendite- und risikoorientierteren Fondspolice in einen Topf zu werfen. Deshalb führe diese Sammelbetrachtung in den Bereichen Sicherheit, Rendite, Liquidität und Transparenz auch zu "falschen" Ergebnissen. Seriöserweise müsste die Analyse nach den verschiedenen Produktkategorien differenziert werden, wie dies auch bei den betrachteten Bankprodukten geschehe, fordert der Interessenverband.
Völlig unverständlich zum Beispiel ist für den GDV, dass in Punkto "Sicherheit" die Lebensversicherung lediglich mit "gelb/rot" bewertet werde, Aktienfonds dagegen "rot/grün". Der GDV zählt die klassische Lebensversicherung zu den "sichersten Finanzprodukten" im Markt. Kein Kunde, der damit für das Alter vorgesorgt habe, habe jemals mit so einer Police Geld verloren. Durch den garantierten Mindestzins auf den Sparbeitrag könne der Verbraucher im Gegensatz zu allen anderen Finanzprodukten sogar auf einen Vermögenszuwachs zählen.
Kritik kommt vereinzelt indes auch aus der Fondsbranche, für deren Produkte die Ampeln ja überwiegend auf "Grün" stehen. Ungeeignet für die private Altersvorsorge hält Castelló allerdings geschlossene Fonds. Dies sei "der Tummelplatz des grauen Kapitalmarktes", so die Verbraucherschützerin. "Sicher" seien dort vor allem die "hohen - oft versteckten - Kosten".
Derlei Verdächtigungen weist die Branche zurück. "Die Unternehmen, die im Verband geschlossener Fonds organisiert sind, arbeiten seriös", sagt Verbandsgeschäftsführer Eric Romba. "Wir wehren uns dagegen, mit irgendwelchen dubiosen Anbietern in einen Topf geworfen zu werden."
Auch Romba ist der Ansicht, dass sich Finanzprodukte generell nicht für eine vereinfachte Kennzeichnung per Ampeloptik eignen - und komplexe Anlagen wie geschlossene Fonds schon gar nicht. "Das kann man vielleicht mit einem Joghurt machen, um zu zeigen, wie viel Fett oder Zucker darin ist", so der Branchenvertreter. "Bei der Kapitalanlage kommt es aber neben dem Produkt immer auch auf die individuelle Situation des Investors an. Und die wird hier überhaupt nicht berücksichtigt", kritisiert Romba den Hamburger Ratgeber.
Der Ratgeber erfreut sich übrigens trotz der scharfen Kritik bester Nachfrage, wie Castelló im Gespräch mit manager-magazin.de erklärt. "Der geht weg wie geschnitten Brot." Die erste Auflage von 5000 Ratgebern sei bereits zwei Wochen nach Erscheinen verkauft und die zweite Auflage in Vorbereitung.
Dabei ist sich die Hamburger Finanzexpertin der Schwächen des Ratgebers durchaus bewusst. "Wir wissen selbstverständlich, dass bei einer plakativen Kennzeichnung wie dem Ampelcheck so mancher Aspekt unter den Tisch fällt." Der Ratgeber solle eine "erste Orientierung" bieten und könne auch keine Beratung ersetzen, wiederholt sie ebenso in der Broschüre nachzulesende Aussagen. Die Angst und den impliziten Vorwurf der Kritiker, dass sich Verbraucher nur auf Basis dieses Ratgebers gegen ein Lebensversicherung entscheiden könnten, teilt die Expertin nicht.
Klar ist aber auch, wenn es so wäre, würde dies die Verbraucherschützer nicht wirklich stören. Denn drei Viertel der lang laufenden Lebensversicherungspolicen kündigten die Kunden vorzeitig - und zwar mit Verlust. "Das ist die Lebenswirklichkeit der meisten Menschen. Deshalb können wir ihnen nur davon abraten, sich mit einer Police auf zwölf, zwanzig oder mehr Jahre festzulegen."
Aus Sicht der Verbrauchschützer stehen die Ampeln für die Lebensversicherung also weiter auf "Rot". Die Branche wird dies so nicht hinnehmen, zumal die zweite Auflage des Ratgebers bereits in Vorbereitung ist. AfW-Vorstand Rottenbacher jedenfalls will den Fall der Hamburger Verbraucherzentrale heute im Bundesverbraucherschutzministerium vortragen. Den Verbraucherschützern könnte das nur recht sein.
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