Von Lutz Reiche
Hamburg - Die deutschen Lebensversicherer haben im vergangenen Jahr wieder mehr Geld an den Kapitalmärkten verdient und die Bewertungsreserven in ihren Bilanzen deutlich steigern können. Nach Informationen der Ratingagentur Fitch sind auch die gebuchten Beiträge angestiegen. Dennoch geben die Experten keine Entwarnung und behalten ihren negativen Ausblick für die Branche bei. Sie sorgen sich um die Qualität und Nachhaltigkeit des Neugeschäfts und sehen das niedrige Zinsumfeld als eine Bedrohung für die Branche.
Die Kapitalanlagen der Lebensversicherer haben sich im vergangenen Jahr netto mit 4 Prozent verzinst (2008: 3,4 Prozent), schätzt Fitch. Neben der allgemeinen Erholung an den Kapitalmärkten habe dazu vor allem ein hoher Koupon bei den festverzinslichen Anlagen von durchschnittlich 4,5 Prozent beigetragen. Dabei hätten die Anbieter angesichts des niedrigen Zinsumfeldes in ihrem Kapitalanlagebestand erheblich umgeschichtet.
Um die Renditen ihrer Kunden aufzufrischen investierten die Lebensversicherer mehr Geld in höher verzinste Staats- und Unternehmensanleihen. Fitch geht davon aus, dass die Branche im vergangenen Jahr ihre Investitionen in Unternehmensanleihen (ohne Finanzinstitute) und Staatsanleihen (ohne Deutschland) mehr als verdoppelt hat. So habe sich im Schnitt der Anteil der Unternehmensanleihen auf rund 4,7 Prozent (2008: 1,8 Prozent) erhöht. Einzelne Gesellschaften hätten diesen Anteil sogar in einen zweistelligen Prozentbereich ausgeweitet, schreiben die Versicherungsexperten in ihrem jüngsten Report.
Das Neugeschäft der Branche war im vergangenen Jahr maßgeblich von hohen Einmalbeiträgen geprägt, analysiert Fitch. Nach jüngsten Hochrechnungen dürften die Einmalbeiträge gegenüber dem Vorjahr um mehr als die Hälfte auf bis zu 20 Milliarden Euro angestiegen sein. Das Neugeschäft gegen laufenden Beitrag dagegen, also der herkömmliche Sparvertrag, fiel dagegen um mehr als 17 Prozent und spülte gerade noch knapp sechs Milliarden Euro in die Kassen der Lebensversicherer. Im Ergebnis habe die Branche ihre gebuchten Bruttobeiträge um 6,5 Prozent steigern können, schätzt Tim Ockenga, Senior Director bei Fitch Ratings.
Zwar ist auch in anderen europäischen Ländern das Einmalbeitragsgeschäft gewachsen. Fitch interpretiert das Ausmaß allerdings als strukturelle Schwäche des Neugeschäfts. Denn der hohe Neuzugang gegen Einmalbetrag sei "zum Großteil auf eher kurzfristige Kapitalisierungsgeschäfte zurückzuführen".
Mit anderen Worten: Die Versicherer locken die Kunden mit Kontrakten, die vergleichsweise hohe Zinsen bei kurzen Laufzeiten bieten und oft nur geringe bis gar keine versicherungstechnischen Risiken enthalten. Da die Rendite dieser Verträge zumeist höher liegt als die Lebensversicherer sie selbst am Kapitalmarkt kurzfristig erzielen können, belastet dieses Geschäft vor allem die Altkunden. "Damit plündern die Unternehmen das eigene Versichertenkollektiv", zeigt sich Analyst Carsten Zielke von der Société Générale über diese Praxis verärgert.
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