Von Lutz Reiche und Christoph Rottwilm
"Wer kontrolliert eigentlich die Kontrolleure?"
Ähnlich argumentiert Frank Rottenbacher, Vorstand des Arbeitgeberverbandes der finanzdienstleistenden Wirtschaft (AfW). "Wir verstehen das Verlangen nach einfachen Übersichten, aber die Welt ist leider komplexer", sagt Rottenbacher. Die Qualität von Finanzprodukten sei nun einmal nicht auf einen Blick zu erkennen, wie es der Ratgeber suggeriere. Unverblümt fordert der AfW die Landesregierungen und Bundesregierung auf, den Verbraucherschützern bei ihrer Arbeit stärker auf die Finger zu schauen.
"Es kann nicht sein, dass Steuergelder dafür verwendet werden, vor öffentlich geförderter Altersvorsorge zu warnen beziehungsweise bestimmte Formen sogar als Gefahr hinzustellen." Und GDV-Sprecherin Pott stellt sich die Frage: "Wer kontrolliert eigentlich die Kontrolleure?"
Assekuranz hat auch erhebliche methodische Bedenken
Der GDV macht auch starke methodische Bedenken gegen die Broschüre geltend: Kapitallebensversicherung, private Rentenversicherung und fondsgebundene Lebensversicherung würden trotz ihrer grundlegend unterschiedlichen Konzepte zusammen bewertet. "Besonders absurd" sei es, die klassische Kapitallebensversicherung mit der deutlich rendite- und risikoorientierteren Fondspolice in einen Topf zu werfen. Deshalb führe diese Sammelbetrachtung in den Bereichen Sicherheit, Rendite, Liquidität und Transparenz auch zu "falschen" Ergebnissen. Seriöserweise müsste die Analyse nach den verschiedenen Produktkategorien differenziert werden, wie dies auch bei den betrachteten Bankprodukten geschehe, fordert der Interessenverband.
Völlig unverständlich zum Beispiel ist für den GDV, dass in Punkto "Sicherheit" die Lebensversicherung lediglich mit "gelb/rot" bewertet werde, Aktienfonds dagegen "rot/grün". Der GDV zählt die klassische Lebensversicherung zu den "sichersten Finanzprodukten" im Markt. Kein Kunde, der damit für das Alter vorgesorgt habe, habe jemals mit so einer Police Geld verloren. Durch den garantierten Mindestzins auf den Sparbeitrag könne der Verbraucher im Gegensatz zu allen anderen Finanzprodukten sogar auf einen Vermögenszuwachs zählen.
Kritik kommt vereinzelt indes auch aus der Fondsbranche, für deren Produkte die Ampeln ja überwiegend auf "Grün" stehen. Ungeeignet für die private Altersvorsorge hält Castelló allerdings geschlossene Fonds. Dies sei "der Tummelplatz des grauen Kapitalmarktes", so die Verbraucherschützerin. "Sicher" seien dort vor allem die "hohen - oft versteckten - Kosten".
Derlei Verdächtigungen weist die Branche zurück. "Die Unternehmen, die im Verband geschlossener Fonds organisiert sind, arbeiten seriös", sagt Verbandsgeschäftsführer Eric Romba. "Wir wehren uns dagegen, mit irgendwelchen dubiosen Anbietern in einen Topf geworfen zu werden."
Auch Romba ist der Ansicht, dass sich Finanzprodukte generell nicht für eine vereinfachte Kennzeichnung per Ampeloptik eignen - und komplexe Anlagen wie geschlossene Fonds schon gar nicht. "Das kann man vielleicht mit einem Joghurt machen, um zu zeigen, wie viel Fett oder Zucker darin ist", so der Branchenvertreter. "Bei der Kapitalanlage kommt es aber neben dem Produkt immer auch auf die individuelle Situation des Investors an. Und die wird hier überhaupt nicht berücksichtigt", kritisiert Romba den Hamburger Ratgeber.
© manager magazin Online 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der manager magazin Verlagsgesellschaft mbH