Von Lutz Reiche
mm.de: Herr Ockenga, viele Lebensversicherer haben jetzt ihren Geschäftsbericht veröffentlicht. Wie ist die Branche durch das Krisenjahr 2008 gekommen?
Schwerstarbeit: Deutsche Lebensversicherer stemmen sich gegen dauerhaft niedrige Zinsen und schwache Börsen. Dabei gewähren die Anbieter ihren Kunden derzeit im Schnitt noch eine höhere Verzinsung als sie selbst am Kapitalmarkt erzielen. Dafür greifen sie ihre Reserven kräftig an. Die Frage lautet, wie lange sie sich diesen Raubbau leisten können
Wenngleich bisher noch keine existenziellen Probleme in der Assekuranz offensichtlich geworden sind, so sind die Versicherer dennoch als größte institutionelle Investoren am Kapitalmarkt natürlich in erheblichem Ausmaß von der Krise betroffen. Dies hat sich bei der Veröffentlichung der Abschlüsse des Jahres 2008 gezeigt.
mm.de: In der Vergangenheit wurde viel darüber spekuliert, ob die Unternehmen Verluste in ihren Kapitalanlagen voll abschreiben oder angesichts erleichterter Bilanzierungsregeln nach § 341 b Handelsgesetzbuch vermeiden würden. Was ist ihr Eindruck, in welchem Ausmaß haben die Lebensversicherer 2008 davon Gebrauch gemacht und Abschreibungen unterlassen?
Ockenga: Es ist richtig, dass Abschreibungen auf Wertpapiere unter bestimmten Bedingungen vermieden werden können, wenn der Wertverlust innerhalb eines Jahres 20 Prozent nicht übersteigt. Mit der Regelung sollen für Versicherer wie Versicherungsnehmer ungewünschte Volatilitäten in den Kapitalanlagen vermieden werden. Entscheidend für die Höhe der unterlassenen Abschreibungen sind dabei der Umfang und die Dauer der Wertminderung im Vergleich zum Buchwert des Wertpapiers.
Für die Versicherer mit einem Rating von Fitch gehen wir davon aus, dass diese Regelung durchschnittlich von rund 70 Prozent der Lebensversicherer in unterschiedlichem Ausmaß angewendet wurde. Mit Blick auf den Gesamtmarkt schätzen wir, dass die Versicherer für rund 1 Prozent der Kapitalanlagen die Regelung angewendet haben.
mm.de: Umgerechnet hätten die Lebensversicherer damit also rund sieben Milliarden Euro an Abschreibungen vermieden. Sind Ihnen besonders markante Einzelfälle bekannt?
Ockenga: Es gibt Versicherer, die eine Anwendung von §341b HGB gänzlich vermeiden, während andere bis zu 3,8 Prozent Abschreibungen auf ihre Kapitalanlagen vermieden haben. Es sind aber noch nicht alle Ergebnisse für das Geschäftsjahr 2008 bekannt und so ist es möglich, dass es in der Branche noch höhere Werte gibt.
Eine alleinige Betrachtung dieser Kennzahl ist aber wenig aussagekräftig. So können Lebensversicherer mit hohen stillen Lasten zum Beispiel besondere Risikocharakteristika aufweisen, welche die Bedeutung der Lasten stark relativieren. Darüber hinaus können Wertaufholungen die stillen Lasten ganz oder teilweise wieder ausgleichen.
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