mm.de: Neben der Geldmenge und dem Produktionspotenzial ist in Sachen Inflation die Umlaufgeschwindigkeit die dritte bestimmende Größe. Wie steht es mit ihr?
Straubhaar: Richtig, und die Zweitrundeneffekte, die von hohen Lohnabschlüssen herrühren können. Die sieht man im Moment allerdings tatsächlich noch nicht. Aber wenn es so kommt wie ich erwarte, dass der Apparat sehr schnell wieder angeworfen wird, wird es vor allem für Fachkräfte und qualifizierte Arbeitskräfte sehr schnell wieder relative Knappheit geben. Das dürfte der absenkenden Wirkung größerer Arbeitslosigkeit auf die Lohnkosten und damit auf das Preisniveau entgegenwirken.
"Erwarte einen Anstieg der Inflationsraten auf über 5 Prozent ab 2011": Thomas Straubhaar ist seit 2005 Direktor des damals neu gegründeten Hamburgischen WeltWirtschaftsInstituts (HWWI)
Straubhaar: Da gibt es zurzeit sehr viel Unsicherheit in beide Richtungen. Es gibt sicher einige, die ihr Geld in der Erwartung einer Deflation nicht ausgeben, weil sie mit sinkenden Preisen rechnen. Das spricht eher für einen Rückgang der Umlaufgeschwindigkeit. Aus der höheren Sparquote jedoch grundsätzlich zu schließen, dass die Leute ihr Geld nachhaltig behalten und nicht ausgeben, halte ich für falsch.
mm.de: Warum?
Straubhaar: Die Sparquote ist nichts anderes als ein statistisches Artefakt. Alle die Wertpapiere verkauft haben und das Geld jetzt als Bar, Fest- oder Termingeld halten, fallen da rein. Es heißt also nicht, dass die Masse der Bevölkerung mehr spart. Es wird vor allem Vermögen umgeschichtet.
mm.de: Sobald die Krise voll am Arbeitsmarkt angekommen ist, könnte sich das aber sehr schnell ändern.
Straubhaar: Einverstanden. Da gibt es aber gerade in Deutschland automatische Stabilisatoren, die dagegen wirken.
mm.de: Alles in allem kommt es also vor allem auf die Stimmung unter den Menschen an und ob es den Verantwortlichen gelingt, diese schnell zu drehen.
Straubhaar: Absolut. Und das ist genau Sinn und Zweck der expansiven Geld- und Fiskalpolitik. Letztere trägt natürlich ebenfalls den Keim späterer, höherer Inflationsraten in sich. Zwar ist die EZB unabhängig. Es wird aber früher oder später unterschiedliche Interessen im EZB-Board geben. Je peripherer ein Land ist, umso eher ist aus fiskal- und realpolitischen Überlegungen heraus eine etwas laxere Geldpolitik in seinem Interesse.
mm.de: Im Grunde befinden wir uns in einer ähnlichen Situation wie zu jener Zeit, als die Grundlage für die jetzige Finanzkrise gelegt wurde. Wieder wird in brenzliger Situation viel Geld in die Märkte gepumpt. Beim letzten Mal entstand keine breite Inflation. Stattdessen entwickelten sich einzelne Blasen auf den Finanzmärkten. Kann sich nicht auch dieses wiederholen?
Straubhaar: Auch das würde ich nicht völlig ausschließen. Wir könnten durchaus erneut eine Art Asset-Inflation bekommen. Wenn sehr viel Geld in Sachwerte fließt, könnte es für Vermögenswerte und auch Aktien wieder zu erheblichen Preissteigerungen kommen.
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