Von Lutz Reiche
Hamburg - Es ist gerade wenige Wochen her, dass höchste Assekuranzfunktionäre in Berlin die Lebensversicherer als "Stabilitätsanker im tosenden Sturm" bezeichneten oder andere warme Worte für die Branche fanden. Im Kern ging es immer wieder darum, Zweifel an der Sicherheit des Produktes und einer Branche zu zerstreuen, die mit einem Investitionsvolumen von rund 690 Milliarden Euro zu den größten Anlegern am Kapitalmarkt zählt. Doch Sicherheit ist ein schwammiger Begriff und kann nie von Dauer sein.
Tendenz abwärts: Nein, gänzlich am Boden liegen die Renditen der Lebensversicherer noch nicht, sie fallen aber seit Jahren und mit ihnen die Ablaufleistungen. Die Versicherten werden bei der Überschussbeteiligung weitere Einschnitte hinnehmen müssen, sagen Experten.
Doch auch die Lebensversicherten haben, soweit sie ihren Vertrag nicht ohnehin vorzeitig kündigten, in den vergangenen Jahren erhebliche Einschnitte hinnehmen müssen. Renditen und Ablaufleistungen sinken im Schnitt bereits das achte Jahr in Folge, wie der jüngste Map-Report gezeigt hat. "Der Trend der letzten Dekade ist nicht wegzudiskutieren", sagt Manfred Poweleit. Der Zinsertrag der meisten Policen habe sich halbiert. Und die Kunden müssten mit weiteren Abstrichen rechnen, was die Lücken in der privaten Altersvorsorge noch vergrößere, warnt der Chef von Map-Report.
Lebensversicherer schütten mehr aus als sie verdienen
Denn die Lebensversicherer verdienen mit ihren Kapitalanlagen derzeit weniger als sie an ihre Kunden ausschütten. Das können sie nur, weil sie ihre mehr oder minder vorhandenen Reserven angreifen. Je nach Finanzkraft eines Anbieters mag das vielleicht noch zwei Jahre gut gehen - aber eben nicht auf Dauer. Schon jetzt erwarten manche Beobachter, dass bei der nächsten Deklarationsrunde für die Überschussbeteiligungen die Vier vor dem Komma im Marktschnitt fallen wird.
Der Gesamtverband der Versicherungswirtschaft (GDV) geht davon aus, dass die Lebensversicherer im vergangenen Jahr einen Zinsgewinn von 3,60 Prozent mit ihren Kapitalanlagen erwirtschaftet haben. Nach Einschätzung der Ratingagenturen Fitch und Assekurata dürften die Nettoverzinsungen tatsächlich aber deutlich darunter liegen - auch weil die Anbieter bei der Bilanzierung von erleichterten Abschreibungsbedingungen der Aufsichtsbehörde BaFin Gebrauch gemacht haben.
Kapitalanlageergebnisse in 2008 eingebrochen
Wie stark die Finanzkrise die Unternehmen genau gebeutelt hat, werden die Geschäftsberichte für das Jahr 2008 zeigen, die die Lebensversicherer mehrheitlich noch in den kommenden Wochen veröffentlichen. "Für manche Lebensversicherer erwarten wir grottenschlechte Zahlen. Wir werden aber genau hinsehen müssen, welches Segment am schärfsten betroffen ist", sagt Poweleit. Die stärksten Einbrüche erwartet der Experte bei den fondsgebundenen Policen.
Einen Vorgeschmack darauf lieferte kürzlich der zur Generali-Gruppe zählende Lebensversicherer AachenMünchener. Der Gewinn der Nummer zwei der Branche nach der Allianz Leben brach um rund die Hälfte auf 77,1 Millionen Euro ein. Das Kapitalanlageergebnis schrumpfte um rund 29 Prozent auf rund 553 Millionen Euro, inklusive der fondsgebundenen Lebensversicherungen waren es gar 36,2 Prozent auf rund 589 Millionen Euro. Die Nettoverzinsung der Kapitalanlagen rutschte auf schmale 3,0 Prozent ab - unter Einbeziehung der fondsgebundenen Policen dürfte sie noch schlechter ausgefallen sein. Das heißt, auch der zweitgrößte deutsche Lebensversicherer zahlt derzeit mehr Zinsen an seine Versicherten aus als er am Kapitalmarkt verdient.
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