Von Arne Gottschalck
mm.de: Um einmal den Advocatus Diaboli zu mimen - die Börsen haben verloren und könnten weiter verlieren - ist da die Abgeltungsteuer nicht das kleinere Übel? Und haben Sie Verständnis dafür, wenn manch einer so denkt?
Seip: Natürlich habe ich dafür Verständnis. Jeder Anleger muss für sich entscheiden, ob die gegenwärtigen Chancen niedriger Einstiegskurse und die Aussicht auf steuerfreie Veräußerungsgewinne die Risiken weiter fallender Kurse überwiegen, oder eben nicht. An der Tatsache, dass gerade langfristig orientierte Anleger mit Investmentfonds attraktive Renditen erzielen, wird die gegenwärtige Krise nichts ändern.
mm.de: Woran liegt es, dass die Regierung dem "Aktiensparen" so wenig Beachtung schenkt?
Seip: Die oft zitierte Aktienkultur in Deutschland ist, falls es sie je gegeben hat, an einem Tiefpunkt angelangt. Erklärungsversuche für diese Entwicklung gibt es eine Menge. Und in der Tat ist die Große Koalition daran nicht unbeteiligt. Wie man mit Aktien bei der Abgeltungsteuer umgeht, ist beispiellos. Ich bleibe aber optimistisch, dass es in dieser Hinsicht Korrekturen geben wird. Es ist zu erwarten, dass der Gesetzgeber in der nächsten Legislaturperiode die gesetzlichen Regelungen im Sinne der Vorsorgesparer nachjustieren wird.
mm.de: Wird sich durch die Einführung der Abgeltungsteuer das Geschäftsmodell der Fondsgesellschaften in Deutschland nachhaltig ändern – zum Beispiel als Produktlieferant für die Assekuranz?
Seip: Produktlieferant und Assetmanager für die Versicherungsbranche sind wir schon heute. Rund die Hälfte des für institutionelle Anleger in Spezialfonds investierten Vermögens ist der Versicherungsbranche zuzuordnen, und die fondsgebundene Versicherung war in den vergangenen Jahren das wachstumsstärkste Sparprodukt der Versicherer. Es kann sein, dass der Marktanteil der fondsgebundenen Versicherung bei Investmentfonds wegen der Abgeltungsteuer noch etwas wächst. Man darf aber nicht vergessen, dass auch die Fondsgesellschaften davon profitieren. Letztlich ist die Steuer nur ein Faktor unter vielen. Entscheidend ist die Vertriebspower der Versicherungen.
mm.de: Ihr Rat für zaudernde Anleger?
Seip: Ruhe bewahren. Die Geschichte zeigt, dass auf jeden Tiefschlag eine Phase der Erholung folgt. So wird es auch dieses Mal sein. Wer Geld zur Verfügung hat, um es langfristig anzulegen, sollte das jetzt tun. Nicht nur wegen der Abgeltungsteuer.
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