Von Lutz Reiche
Mit Blick auf die Vermittlungspraxis von Finanzprodukten steckt in den Aussagen dieses Insiders sicher ein gehöriger Kern Wahrheit. Lezterer ist indes auch begründet in der Tatsache, dass Kunden wie Vermittler mit solchen Zusammenhängen oft überfordert sind oder sich schlicht nicht dafür interessieren.
Für Verbraucherschützer ist das allerdings kein Vorwand, den aus ihrer Sicht risikoreicheren und undurchsichtigeren neuen Produkten und damit einer Deregulierung des Versicherungsmarkts in Deutschland jetzt ad hoc Tür und Tor zu öffnen. Sie fordern von der Politik eine Entschleunigung des Verfahrens. "Statt in Deutschland Variable Annuities jetzt im Schnelldurchlauf den Weg zu bereiten, sollten wir erst sorgfältig die krisenhaften Erfahrungen damit in den USA auswerten", fordert Finanzexperte Gottschalk.
Nicht nur Kritiker sehen vor der flächendeckenden Einführung der Variable Annuities noch eine ganze Reihe von offenen Fragen. Der Branche sind sie unbequem, aber aus Verbrauchersicht wichtig:
• Besitzen die deutschen Lebensversicherer überhaupt das Know-how, komplizierte Absicherungsgeschäfte mit Finanzderivaten zu managen?
• Welche Anforderungen sind daran zu stellen?
• Ist es ratsam, den Umfang der Hedging-Geschäfte und die Palette der dabei eingesetzten Instrumente zu begrenzen?
• Wie lassen sich den Anlegern die Risiken und Mechanismen der eingesetzten Derivate vermitteln, die verstärkt in herkömmlichen Finanzprodukten zur Anwendung kommen?
• Muss dafür im Sinne einer größeren Transparenz die Informationspflichtenverordnung verschärft werden?
• Sind bei Variable Annuities im Falle einer Schieflage des Versicherers die garantierten Leistungen der Kunden geschützt?
Für bislang vom Ausland in Deutschland angebotene Verträge lautet die Antwort Nein. Ob die Auffanggesellschaft Protektor für die garantierten Leistungen der neuen Produkte in jedem Fall einsteht, wenn sie künftig auch von einem deutschen Vertragspartner angeboten werden dürfen und dieser in eine Notlage gerät, ist strittig.
• Müssen angesichts des größeren Risikos, das deutsche Versicherer künftig bei der Absicherung von Garantien über derivate Finanzinstrumente eingehen können, die Finanzierung und Kapitalausstattung des vom Protektor verwalteten Sicherungsfonds für deutsche Lebensversicherer nicht grundlegend neu gestaltet werden?
Fragen über Fragen. Die Politik täte zweifelsohne gut daran, sich intensiver ihrer anzunehmen, bevor sie diesen neuen Produkten auf dem deutschen Altersvorsorgemarkt flächendeckend den Weg bereitet. Umso mehr gilt für den interessierten Anleger: Vor Vertragsabschluss sollte er der Eier legenden Wollmilchsau mit Neugier aber auch gebührender Distanz begegnen.
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