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13.03.2008
 

Chartanalyse

Der Bulle steckt im Kaffeesatz

Von Grit Beecken

Der Chartanalytiker malt ein paar Linien, denkt nach und platziert seine Order. So beschreibt das Klischee Anleger, die kommende Preise aus bisherigen Kursen ableiten. Und auch manche Analysten belächeln das Verfahren als Kaffeesatzleserei. In Banken und Wertpapierhäusern hat es dennoch seinen festen Platz.

Hamburg - Die gezackten Linien auf Zentimeterpapier sind mit verschiedenfarbigen Linien übermalt, verziert ist das Gebilde mit unverständlichen Worten wie Spike und Umkehrtag. Was für einen Laien nach zeitgenössischer Kunst aussieht, ist der Versuch, den Börsenverlauf vorherzusagen. Ein Chart ist die grafische Darstellung von Kursverläufen über einen bestimmten Zeitraum. Die Analyse dieser Werte kann, so die Chartanalytiker, beim Aufspüren kommender Trends hilfreich sein.

Diese Art der Vorschau war in der Vergangenheit umstritten. Wirschaftsnobelpreisträger Paul Samuelson sagte beispielsweise: "Die Preise reagieren auf Neuigkeiten, auf Überraschungen." Überraschungen aber seien unvorhersehbare Ereignisse, deren künftiger Verlauf eben nicht ermittelbar ist. Auch Vertreter der Fundamentalanalyse, die mit wirtschaftlichen Fakten kommende Preise ermitteln wollen, wetterten gegen die Kaffeesatzleser.

Inzwischen aber haben sich die Gegner versöhnt und kooperieren in Sachen Blick in die Zukunft. Vertreter der Fundamentalanalyse ackern sich durch diverse Unternehmenskennzahlen, um die richtige Bewertung eines Papiers zu ermitteln, Chartanalytiker betrachten lediglich die vergangene Kursentwicklung. Die Ansätze scheinen nur schwer miteinander vereinbar zu sein - hier wirtschaftliche Fakten, dort Malen nach Zahlen. Dennoch suchen beide Lager gemeinsam nach kommenden Börsentrends.

"Chart- und Fundamentalanalysten leben in der Praxis symbiotisch zusammen, die Ansätze sind nicht konträr", sagt Dirk Schiereck, Professor für Finanzmanagement an der European Business School in Oestrich-Winkel. Wer beispielsweise irrationales Marktverhalten aus den Charts herauslesen könne, der schlage unter Umständen den Markt. Aber: "Die Chartanalyse ist kein geeignetes Element für Privatanleger", so Schiereck.

Das Instrument geht auf Charles Henry Dow zurück. Der Mitbegründer der Wall Street stellte fest, Aktienkurse bewegten sich in wiederkehrenden Trends. Aus dieser Einsicht entwickelten er und andere die Chartanalyse als Verfahren neben der Fundamentalanalyse. Sie ist leichter zu erlernen als die Untersuchung von Unternehmensdaten und daher auch bei Privatanlegern beliebt.

Nicht nur die Einfachheit spricht für die Chartanalyse: "Im Bereich der CFDs, der Differenzkontrakte, schauen unsere Kunden sehr viel auf Charts. Denn bei kurzfristigen und schnellen Bewegungen des Marktes spielen fundamentale Daten eine eher untergeordnetere Rolle", sagt Thomas Kranch vom Frankfurter Online-Derivatehaus CMC-Markets. Über Anlegermagazine und Börsenportale ist die Chartanalyse für Privatanleger inzwischen weit verbreitet.

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