mm.de: Recht deutlich zeigt sich aber, dass in vielen Branchen die Übernahmefantasie stark abnimmt ...
Wiaterek: ... zu beobachten beispielsweise bei Cerberus, die offenbar ein paar Schwierigkeiten bei der Finanzierung der - durchaus vielversprechenden - Chrysler-Übernahme haben. Während noch vor wenigen Monaten solche Übernahmen mit Hilfe von Bankentranchen leicht über die Bühne gingen, zeigt sich heute, dass der Risikoappetit der Konsortialbanken massiv abgenommen hat. Der Märktetreiber Übernahmen fällt damit zumindest kurzfristig aus. Das kann aber sehr wohl einen heilsamen Effekt darstellen.
mm.de: Aber für strategische Investoren bieten sich gerade jetzt doch teilweise Schnäppchenkurse.
Wiaterek: Ja, es waren die Finanzinvestoren gemeint. Selbst Übernahmen ohne überzeugende industrielle Logik konnten sich ja vor einigen Monaten für Finanzinvestoren noch lohnen - der Leverage-Effekt** und ein freundliches Umfeld bescherten den Anlegern Gewinne. Doch diese Zeiten sind zunächst vorbei. Übernahmen, wie sie nun beispielsweise der australische Bergbaukonzern Rio Tinto beim kanadischen Aluminiumhersteller Alcan versucht, wird es dagegen auch künftig geben. Dadurch zeigen die Konzerne übrigens auch, dass sie die derzeitigen Kurse nicht als überteuert ansehen - sondern eben eher günstige Einstiegsniveaus erkennen.
mm.de: Demnach wären die Märkte nicht überhitzt.
Wiaterek: Nein, sie sind es nicht. Trotz der starken Kurszuwächse in der Vergangenheit verzeichnet der Dax ein KGV von 13, der S&P 500 von 14. Diese moderaten Bewertungen ergeben sich, weil die Unternehmensgewinne kräftig angezogen haben. Also haben sich die Weltbörsen in ihrer Entwicklung nicht von der Wirtschaftsentwicklung abgekoppelt - sie sind mitgewachsen. Ausnahmen bilden allerdings die Börsen in China und Indien, die mit vier Mal höheren KGV nach unserer Einschätzung übertrieben hoch notieren.
mm.de: Nach Ihrer Prognose wird also die weltweite Wirtschaftsentwicklung allein dafür sorgen, dass der Dax bis Dezember 10 Prozent zulegt?
Wiaterek: Wenn man es zuspitzen wollte, könnte man es so sagen. Hedgefonds, Private Equity und andere Spekulanten fallen als Kurstreiber am Markt erst einmal aus. Aber allein in Deutschland - auch wenn die börsennotierten Unternehmen hier nur drei Prozent des weltweiten Marktkapitals präsentieren - wird sich allein schon durch verbesserte Rahmenbedingungen bei den Steuern ein Plus beim Gewinn ergeben, selbst wenn sich am operativen Geschäft nichts veränderte. Das Gewinnwachstum im Dax wird auch dank dieses Effekts im kommenden Jahr vermutlich knapp zweistellig ausfallen.
* CDOs Collateralized Debt Obligations - verbriefte Ansprüche auf Vermögenswerte eines Portfolios, das aus Buchkrediten oder Anleihen besteht. Die Ansprüche werden meist in verschiedenen CDOs gestaffelt, bei den riskantesten ist das Ausfallrisiko am höchsten.
**Leverage-Effekt (engl. für Hebeleffekt) - Die Erhöhung der Eigenkapitalrentabilität aufgrund einer über dem Fremdkapitalzins liegenden durchschnittlichen Gesamtkapitalrendite. Solange der Zinssatz für die Fremdkapitalaufnahme niedriger ist als die Verzinsung des gesamten eingesetzten Kapitals, kann durch die Aufnahme von Fremdkapital der Gewinn und die Eigenkapitalrentabilität gesteigert werden.
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