Von Arne Gottschalck
Hamburg - Russland ist ein Land mit zwei Gesichtern. Zwischen den bunten Zuckerbäckertürmen der Basilika am Kreml und der Tristesse grauer Wohnburgen, dem chromstarrenden automobilen Reichtum und der zerschlissenen Armut der Obdachlosen liegen in Moskau oft nur wenige Meter. Doch diese paar Meter sind kaum mehr zu überbrücken. Das Wohlstandsgefälle in Russland ist inzwischen so groß, dass selbst der nicht in erster Linie als Philanthrop bekannte Präsident Wladimir Putin forderte, es durch deutliches Wirtschaftswachstum zu verringern. So gesagt auf einer Rede im Rahmen seiner Jahrespressekonferenz vor 1200 Journalisten im Kreml. Gefahr erkannt, Gefahr gebannt?
Nein, die Gegensätze Russlands polarisieren auch die Investoren. Auf der einen Seite stehen jene, die Russland verteufeln. Bei der Fondsgesellschaft First State zum Beispiel hat man das Gewicht Russlands, das das Land sonst in den entsprechenden Fonds hatte, deutlich reduziert. "Vor einigen Jahren sahen wir steigende Ölpreise und russische Ölunternehmen, die globale Technologie nutzen", sagt Glen Finegan, Senior Analyst bei First State. "Wir sahen damals auch eine Corporate Governance, die sich verbesserte und etwas, was wie jene privaten Ölunternehmen aussah, die die globalen Spieler von morgen hätten sein können. Damals hatten wir unsere stärkste Russland-Ausrichtung". Vor 18 Monaten senkte man dann diese Beteiligungen der Fonds auf Null. Alles schien zu unsicher zu werden. "Die russische Regierung begann, den Rohstoffsektor unter ihre Kontrolle zu bringen", so Finegan. Und "staatlich gelenkte Unternehmen werden sich kaum den Wünschen privater Anleger beugen."
Der kanadische Anwalt Robert Amsterdam, der unter anderem die Interessen des inhaftierten Michail Chodorkowski wahrnimmt, kennt die Entwicklung. "Die politische Korruption greift um sich. Auf dem entsprechenden Index liegt Russland inzwischen auf einer Höhe mit Swasiland. Da müssen Investoren sehr aufpassen". Sie tun es offenbar. "Der zunehmende Einfluss des Staates auf die Wirtschaft macht uns besorgt", sagt Angelika Millendorfer, die für Raiffeisen Capital Management die Osteuropafonds verantwortet. "Die Regierung ist bestrebt, in den Kernindustrien zumindest ein Großunternehmen zu kontrollieren wie etwa Rosneft im Ölsektor. Dadurch könnten andere privatwirtschaftliche Unternehmen benachteiligt werden."
© manager magazin Online 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der manager magazin Verlagsgesellschaft mbH