Von Lutz Reiche
mm.de: Die Aktien von US-Hypothekenfinanzierern stehen unter starkem Verkaufsdruck. In Deutschland fallen parallel Bankenwerte und Aktien von Immobilienfinanzierern deutlich - eine nachvollziehbare Reaktion?
Hellmeyer: Die Reaktion der Märkte hierzulande ist in meinen Augen übertrieben. Das gleicht einem pawlowschen Reflex. Rational ist das Ganze jedenfalls nicht nachvollziehbar. Denn im europäischen Rahmen haben wir im Gegensatz zu den USA keinen Subprime-Sektor. Von daher ist die Konstellation nicht vergleichbar. Zudem ist die Situation des deutschen Immobilienmarkts nicht ansatzweise überhitzt.
mm.de: Ist angesichts der zunehmenden internationalen Verflechtung der Banken die Ansteckungsgefahr für Europa nicht ungleich größer als früher?
Hellmeyer: Grundsätzlich gilt, dass die Verflechtung im internationalen Geschäft - gerade im derivativen Sektor - das Risiko von Dominoeffekten in der Finanzbranche erhöht. Von daher ist die Frage zu bejahen. So weit die Theorie, nun kommen wir zur Praxis. Bezüglich der global operierenden Topbanken ist die Wahrscheinlichkeit von Ausfällen minimal. Die Erfahrungen aus der EWS-Krise im Jahr 1992, Savings & Loans in den USA und der Bankenkrise in Japan belegen, dass die Gesetze des freien Markts im Finanzsektor nur bedingt gültig sind. Im Zweifelsfall werden die Verluste wie bisher sozialisiert. Fakt ist, dass für die Finanzinstitutionen, die sich in diesem Marktsegment getummelt haben, nachhaltige bilanzielle Ernüchterung folgen wird. Eine Krise für den europäischen Bankensektor kann ich in diesem Zusammenhang derzeit jedoch nicht erkennen.
mm.de: Ein Beispiel für Verflechtung ist sicherlich das florierende Geschäft mit Hypothekenkrediten, überhaupt mit faulen Krediten. Sie werden aufgekauft, gebündelt, zerlegt und weiterverkauft - etwa an Hedgefonds oder Pensionsfonds. Lassen sich mögliche Risiken dann überhaupt noch überblicken und kontrollieren?
Hellmeyer: Bei diesem Thema sind die Zentralbanken der führenden Industrienationen mittlerweile sehr dünnhäutig geworden. In der Tat sind die Risiken in diesem Bereich kaum überschaubar und damit auch nur unzureichend quantifizierbar. Was nicht ausreichend quantifizierbar ist, ist nicht vollständig kontrollierbar. Ergo bleibt es bei hohen Risiken für die Stabilität des globalen Finanzsystems resultierend aus dem Zeitungeist mangelnder Risikoaversion und Kasinomentalität infolge verfehlter Zentralbankpolitik, insbesondere der US-Zentralbank aber auch der Bank of Japan.
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