Montag, 26. September 2016

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Gehaltsunterschiede Warum man Friseurinnen mit Dax-Chefs vergleichen sollte

Ich mach die Haare schön - und krieg kaum was dafür, außer mal Wahlkampfbesuch (wie hier von der hessischen SPD-Landtagsabgeordneten Andrea Ypsilanti, links).

Frauen verdienen immer noch 22 Prozent weniger als Männer. Grund genug, über Geld zu reden mit der Organisatorin des Equal Pay Day, Henrike von Platen. Für sie ist klar: Die Ungerechtigkeit besteht nicht nur zwischen den Geschlechtern - sondern den Branchen.

mm: Frau von Platen, warum spricht man nicht über Geld?

von Platen: Die einen möchten verhindern, dass sie jemand beneidet, weil sie so viel Geld haben. Andere schämen sich oft dafür, so wenig zu verdienen. Sie wollen nicht sagen, wie wenig ihre Arbeit anscheinend wert ist.

mm: Das große pekuniäre Schweigen ist ein typisch deutsches Phänomen. In anderen Ländern gehen die Leute wesentlich offener mit ihrem Einkommen um.

von Platen: In einigen Ländern wird ganz entspannt damit umgegangen: Da erblasst auch nicht der eine vor Neid, weil der andere einen dicken Bonus bekommen hat, sondern strengt sich an, den selbst auch zu bekommen. Deshalb bin ich auch überzeugt davon: Wir müssen dieses Sprach-Tabu endlich brechen. Es ist viel ungewöhnlicher, nicht über Geld zu reden, als darüber.

mm: Sie organisieren jedes Jahr den Equal Pay Day, um an die Ungleichheit bei den Einkommen von Männern und Frauen zu erinnern. Derzeit verdienen Männer nach Ihren Angaben 22 Prozent mehr als Frauen, eine seit Jahren relativ stabile Zahl. Gleichzeitig haben wir ein Quotengesetz, mehr erwerbstätige Frauen, Männer, die Elternzeit nehmen. Warum gleichen sich die Gehälter nicht an?

von Platen: Diese Maßnahmen sind relativ jung und bei vielen zeigt sich die Wirkung erst nach Jahren. Gleichzeitig gibt es viele Ursachen für das Gender Pay Gap und es muss noch viel mehr passieren.

mm: Zum Beispiel?

von Platen: Teilzeitarbeit, Karrierepausen - oft wegen Kindern. Hier verlieren Frauen gehalts- und karrieretechnisch den Anschluss, den sie nie wieder aufholen. Die Berufswahl: Typische Frauenberufe werden meistens schlecht bezahlt. Oder Minijobs: Würde man diese abschaffen, würde die Lohnlücke um etwa drei Prozentpunkte sinken.

mm: Sie vergleichen den Bruttostundenlohn aller berufstätigen Männer mit dem aller berufstätigen Frauen, branchen- und positionsübergreifend. Wie seriös ist diese Darstellung?

von Platen: Die 22 Prozent berechnet für uns das Statistische Bundesamt. Es geht dabei nicht darum, nur einzelne Branchen oder Positionen zu vergleichen, sondern die Einkommen insgesamt zu vergleichen.

mm: Sie vergleichen Friseurinnen mit Dax-Chefs.

von Platen: Genau das müssen wir auch. Wir müssen diskutieren, wieso so viele Frauen in Teilzeit oder schlechter vergüteten Jobs arbeiten, wieso sie sich für Branchen interessieren, die schlechter bezahlen. Es kann nicht sein, dass Menschen mit demselben Schulabschluss genauso gut ausgebildet sind und ähnlich anstrengende Jobs haben, aber der eine bekommt wesentlich mehr als die andere. Warum verdient ein Müllwerker mehr als eine Krankenschwester? Warum bekommt er eine Zulage für das Heben schwerer Lasten und die Altenpflegerin nicht? Es geht darum, zu diskutieren und nachvollziehbar zu machen wie Arbeit bewertet wird.

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