Freitag, 14. Dezember 2018

Anlageprofi Robert Halver erklärt ... Wie Europa aus Anlegersicht mit Putin umgehen sollte

Wahlsieger: Russlands Präsident Wladimir Putin

Wladimir Putins Wiederwahl erfreut nicht jeden und jede. Seine Besetzung der Krim war, ist und bleibt völkerrechtswidrig. Doch möge man auch bedenken, dass nach der Zupflasterung der russischen Westgrenze ein irgendwann beitretendes Nato-Mitgliedsland Ukraine die Umzingelung Russlands perfekt gemacht hätte. Allerdings achtet neben Onkel Putin auch Uncle Sam immer sehr darauf, dass der eigene Vorgarten feindfrei bleibt. Die Weltmacht, die ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein.

Putin spielt virtuos mit der russischen Volksseele

Robert Halver
  • Copyright:
    Robert Halver ist Leiter der Kapitalmarkt-analyse der Baader Bank AG und bekannt durch regelmäßige Medienauftritte und als Kolumnist. Mit Wertpapieranalyse beschäftigt er sich seit über 20 Jahren.

Diese harte westliche Haltung kommt als Bumerang zurück. Die Entzweiung wird immer größer. Putin hat wie ein Trotzkind die Flucht nach vorne zum Schaden Europas angetreten. Im Nahen Osten, in Syrien zum Beispiel hat der russische Bär das Sagen, nicht Amerika oder die EU. Das bedeutet, eine Lösung auch der syrischen Flüchtlingskrise ist ohne Putin kaum möglich. Damit befindet sich Europa und vor allem die deutsche Politik in einem Dilemma. Auf der einen Seite will man das Verhältnis zum großen Bruder Amerika nicht gefährden, obwohl dieses zurzeit eher an Kain und Abel erinnert.

Diplomatie ist die Kunst des Möglichen

Auf der anderen Seite sollte Deutschland aber ebenso seine nationalen Interessen wahren. Ohnehin wird Deutschland in Russland immer noch sehr ernst genommen. Schon immer wollte Russland einen Freund im Westen haben und dachte dabei an uns. Im festen Glauben darauf, dass der Herrgott Hirn an alle Seiten einigermaßen fair verteilt hat, muss miteinander gesprochen werden. Deutsche Politik war doch schon unter Willy Brandt und zweimal Helmut immer der Vermittler zwischen Ost und West. Noch einmal sechs Jahre Kalter Krieg müssen verhindert werden. Man muss eben mit den Tatsachen umgehen, die vorliegen, nicht mit denen, die man gerne hätte. Wir können uns keinen Wunschpräsidenten in Moskau backen.

Wirtschaftspolitik als Backhefe für eine Wiederannäherung von West und Ost

Russland als industriell rückständiges Land mit sagenhaftem Rohstoffreichtum schreit förmlich danach, von deutschem Know-how beglückt zu werden.

Dagegen hat Amerika im Konflikt zwischen Deutschland und Russland nichts zu verlieren. Im Bedarfsfall würde Trump sich freuen, Europa mit gefracktem US-Öl als Alternative zu russischem zu erquicken.

Nicht zuletzt böten stabile deutsche und europäische Beziehungen zu Russland auch Gelegenheiten, der zunehmenden wirtschaftspolitischen Abhängigkeit zu China zu entkommen. Peking und Moskau sind sich nicht unbedingt grün. Und wenn sich zwei streiten, freut sich der Dritte, Deutschland. Man könnte Russland als (wirtschafts-)politischen "Verbündeten" nutzen.

Der Börsenkurs der Woche - vom Profi
Kurse, Indexstände, Aufs und Abs - an der Börse passiert täglich Neues, Besonderes und Überraschendes. An dieser Stelle präsentiert und erklärt jeden Montag ein Finanzmarktprofi sein Börsen-Highlight der Woche.

Es hat nichts mit Beschwichtigungspolitik zu tun, wenn Mütterchen Deutschland wieder den Kontakt zu Väterchen Russland sucht. Wir reden ja auch mit anderen Staatspräsidenten, die null Chancen haben, in den demokratischen Himmel zu kommen. Überhaupt, wenn andere Länder knallhart ihre Wirtschaftsinteressen verfolgen, siehe Handelssanktionen, kann auch ein bisschen deutscher Egoismus nicht schaden. Wir müssen nicht jede Weltmeisterschaft in ideologischem Hypermoralismus gewinnen.

Putin hat nicht die westliche Politik, dafür aber ihr Kapital auf seiner Seite

Die Finanzmärkte sind weniger Russland feindlich eingestellt. Die Bonität des Landes hat sich trotz Sanktionen seit 2015 deutlich gebessert, von Staatspleite keine Spur mehr. Ein zuletzt steigender Ölpreis hat das russische Sparschwein wieder gemästet. Westliche Rating-Agenturen geben dem Land sogar den Status "kreditwürdig" und selbst US- und britische Anleger öffnen ihre Portemonnaies, um Putins Anleihen - wenn auch auf Dollar-Basis - zu zeichnen.

manager-magazin.de

Schwieriger ist die Lage am russischen Aktienmarkt. Hier sorgen die Wirtschaftssanktionen und die einseitige Abhängigkeit Russlands von Öl und Gas für Moll-Stimmung.

Um russische Aktien grundsätzlich attraktiv zu machen, müssen West und Ost miteinander wieder friedliche Koexistenz praktizieren. Ich habe mir sagen lassen, dass Angela Merkle noch etwas russisch und Wladimir Putin ein bisschen deutsch spricht. An der Verständigung sollte es also nicht scheitern.

© manager magazin 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der manager magazin Verlagsgesellschaft mbH