Mittwoch, 20. März 2019

Börsenprofi Carsten Klude erklärt Weltwirtschaft im Abschwung - das Rezessionsrisiko steigt

Container in einem Hafen Chinas: Auch in der Volksrepublik sind die Wachstumsraten merklich gesunken.

Innerhalb eines Jahres haben sich die ökonomischen Vorzeichen für die Entwicklung der Weltwirtschaft komplett gedreht. Anfang 2018 befanden sich die meisten Frühindikatoren auf einem sehr hohen Niveau, sodass fast alle Ökonomen von einer Fortsetzung der damals starken konjunkturellen Dynamik ausgingen. Doch es kam anders: Schon bald zeigte sich, dass das Wachstum im verarbeitenden Gewerbe seinen Höhepunkt erreicht hatte und sich nicht weiter beschleunigen würde. Zu diesem Zeitpunkt lagen die Hoffnungen noch auf dem Dienstleistungssektor, der bis Mitte vergangenen Jahres solide Wachstumsraten signalisierte. Allerdings haben sich auch hier die Perspektiven in den vergangenen Monaten deutlich eingetrübt.

Mittlerweile weist ein Drittel der Einkaufsmanagerindizes aus dem verarbeitenden Gewerbe einen Wert von unter 50 Punkten, der ein Schrumpfen der Geschäfte signalisiert, auf. Bei den Dienstleistern liegt dieser Anteil bei einem Viertel.

Die Ursache für den abrupten wirtschaftlichen Kurswechsel ist in erster Linie in den politischen Entwicklungen der vergangenen zwölf Monate zu finden. So sorgten die Ankündigungen Donald Trumps im März 2018, Zölle auf Stahl- und Aluminiumimporte sowie für Importe aus China einzuführen, für einen nachhaltigen Vertrauensverlust bei Unternehmen und Verbrauchern. Hinzu kamen die anhaltenden Diskussionen und die damit verbundenen Unsicherheiten, auf welchem Weg Großbritannien aus der EU ausscheidet. Auch das politische Kasperletheater der neuen italienischen Regierung, die mit großen Versprechungen Wählerstimmen gewonnen, seitdem aber rein gar nichts dafür getan hat, das Land wettbewerbsfähiger zu machen, hinterließ Spuren.

Die Hoffnung, dass die verantwortlichen Politiker zur Vernunft kommen, hat sich zumindest bislang nicht erfüllt. Stattdessen bewahrheiten sich mehr und mehr die Befürchtungen, dass die Weltwirtschaft ungebremst auf eine neue ökonomische Krise zusteuert.

Carsten Klude
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    Carsten Klude ist Chefvolkswirt der Privatbank M. M. Warburg in Hamburg.

Am stärksten betroffen von einer Verlangsamung des wirtschaftlichen Wachstums sind aufgrund ihrer Exportorientierung China und die Länder der Eurozone. In China hat sich das Wirtschaftswachstum im vierten Quartal 2018 auf 6,4 Prozent verlangsamt. Vor allem in der Industrie macht sich der Handelskonflikt mit den USA bemerkbar. Der Außenhandel profitierte zwar lange Zeit von Vorzieheffekten, doch Ende 2018 schrumpften sowohl die Ex- als auch die Importe gegenüber dem Vorjahr. Kommt es nicht zu einer dauerhaften Lösung im Streit mit den USA, wird sich der Abwärtstrend fortsetzen.

Wie die Einkaufsmanagerindizes zeigen, sind davon vor allem kleine und mittelgroße Firmen aus dem verarbeitenden Gewerbe betroffen. Großunternehmen aus der Industrie und Firmen aus dem Dienstleistungssektor berichten hingegen nach wie vor mehrheitlich von positiven Geschäften. Hierfür dürfte nicht zuletzt der Immobilienmarkt eine wichtige Rolle spielen.

Nachdem der Notenbank eine weiche Landung des überhitzen Häusermarktes gelungen ist, hat man die Restriktionen seit dem vergangenen Frühjahr gelockert, sodass die Preise wieder angestiegen sind. Der für den Verbraucher negative Vermögenseffekt aufgrund der gesunkenen Aktienkurse konnte so kompensiert werden. Angesichts der stark gestiegenen Verschuldung von Unternehmen und Privathaushalten ist aber davon auszugehen, dass die Spielräume für eine deutlich expansivere Geld- und Fiskalpolitik begrenzt sind.

Anleger sollten sich von daher nicht zu sehr auf die Hilfe der Notenbank und der Regierung verlassen, wenn die konjunkturelle Schwächephase anhält. Kommt es nicht in den nächsten zwei Wochen zu einem "Deal" mit Trump, dürfte die chinesische Wirtschaft 2019 nur noch mit bestenfalls 6 Prozent wachsen.

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Die wirtschaftliche Schwäche Chinas ist für alle Länder mit engen Handelsbeziehungen zum Reich der Mitte eine Hiobsbotschaft. Gemessen am Anteil ihrer China-Exporte am Bruttoinlandsprodukt sind Singapur, Malaysia, Südkorea, Australien und Deutschland besonders verwundbar. Für die USA spielt der von ihnen angezettelte Handelsstreit hingegen kaum eine Rolle. Dies zeigt sich auch an der großen Diskrepanz der Wirtschaftsdaten: Während die Konjunkturdaten in Deutschland ein erhöhtes Rezessionsrisiko signalisieren, ist die Wahrscheinlichkeit hierfür in den USA derzeit gering.

Für die deutsche Wirtschaft haben sich die negativen Konjunkturdaten bis zuletzt fortgesetzt. Vor allem die Industrie befindet sich am Rande einer Rezession. Zwar ist die deutsche Wirtschaft im vierten Quartal 2018 nicht noch einmal geschrumpft, sodass das technische Kriterium einer Rezession gerade eben vermieden werden konnte, doch entwickeln sich die Auftragseingänge und die Industrieproduktion weiterhin sehr schwach. Etwas besser sieht es dagegen beim öffentlichen und privaten Konsum sowie beim Außenhandel aus. Allerdings dürften sich die bisher noch zunehmenden Exporte nach China in der nächsten Zeit abschwächen. Von daher wird das Wirtschaftswachstum in den kommenden Quartalen verhalten ausfallen, sodass wir unsere BIP-Prognose für dieses Jahr auf 0,7 Prozent reduziert haben.

Für die USA gibt es dagegen bislang wenig Hinweise auf eine deutliche Verlangsamung des wirtschaftlichen Wachstums. Der größte Trumpf ist dabei die geringe Abhängigkeit von der globalen Konjunktur dank der starken Binnennachfrage. Die immer noch sehr robuste Arbeitsmarktentwicklung spricht dafür, dass der Konsum auch weiterhin als Wachstumsmotor der Gesamtwirtschaft fungiert. Dennoch gibt es Hinweise darauf, dass sich auch in den USA die wirtschaftliche Dynamik im Laufe dieses Jahres abschwächen wird.

Das Auslaufen der Effekte der expansiven Fiskalpolitik (Steuerreform und höhere Staatsausgaben) wird sich ebenso bemerkbar machen, wie die nachlaufenden Auswirkungen der restriktiveren Geldpolitik. Und selbst wenn der Außenhandel für die USA keine so wichtige Rolle für das Wirtschaftswachstum spielt, wie dies in anderen Ländern der Fall ist, sind die USA auch keine Insel der Glückseligen. Dies merken insbesondere die großen international tätigen US-Unternehmen. So zeigen die jüngsten Daten, dass die US-Unternehmen dabei sind, zu hohe Lagerbestände aufzubauen. Diese können zwar für eine gewisse Zeit das Wachstum positiv beeinflussen, doch wird sich dies irgendwann umkehren. Dann gehen vom Lagerzyklus negative Impulse auf das wirtschaftliche Wachstum aus.

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Um eine konjunkturelle Abwärtsspirale zu durchbrechen, greift die Wirtschaftspolitik normalerweise auf eine expansivere Geld- und Fiskalpolitik zurück. Angesichts einer in vielen Ländern in den letzten Jahren angestiegenen Verschuldung ist der Spielraum für höhere Staatsausgaben aber begrenzt. Insofern wird wohl wieder der Geldpolitik die Aufgabe zukommen, "die Kohlen aus dem Feuer zu holen". Die indische Notenbank hat bereits die Zinsen gesenkt, die US-amerikanische Fed könnte ihr noch in diesem Jahr folgen.

Die EZB wird dagegen wie üblich erst wieder sehr spät reagieren, auch weil durch das Ende der Amtszeit Mario Draghis in diesem Jahr eine gewisse Lähmung zu erwarten ist. Anleger reduzieren in einem solchem Umfeld das Risiko ihrer Kapitalanlagen und setzen verstärkt auf Sicherheit, wie beispielsweise auf Staatsanleihen.

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