Sonntag, 24. März 2019

Kurze Beine? Von wegen! Die Wahrheit über politische Börsen

Brexit: Belastungen für tausende Unternehmen
NEIL HALL/EPA-EFE/REX
Brexit: Belastungen für tausende Unternehmen

Politische Börsen haben kurze Beine, heißt es häufig. Welch ein Irrtum. Anlegern kann man nur raten: Geben Sie acht auf die Politik, denn sie kann Ihr Portfolio langfristig sehr wohl beeinflussen. Vier Beispiele. 

Börsenweisheiten sind in der Regel flott formulierte Sprüche mit wenig Substanz. Da macht auch das Sprichwort "Politische Börsen haben kurze Beine" keine Ausnahme. Was von einigen Börsengurus mit diesem Satz ausgedrückt werden soll, ist klar: Die Politik vermag es nicht, die Kapitalmärkte nachhaltig in die eine oder andere Richtung zu beeinflussen. Vielmehr werden sich ökonomische Fundamentaldaten wie der Konjunktur- und Gewinnzyklus als treibende Kräfte für die Kursentwicklung durchsetzen.

Cyrus de la Rubia
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    HSH Nordbank
    Cyrus de la Rubia ist Chefvolkswirt bei der Hamburg Commercial Bank in Hamburg, wo er globale Trends an den Währungs- und Zinsmärkten analysiert. Außerdem ist er Dozent an der Frankfurt School of Finance und Management, in der wirtschaftspolitischen Beratung tätig und Autor des Buches "Unser Geld in der Krise".

Natürlich gibt es Phasen, in denen die positiven Impulse des Konjunkturzyklus politische Ereignisse dominieren. Die vergangenen drei Jahre sind dafür ein gutes Beispiel. Angesichts des synchronen Wachstums der Weltwirtschaft ließen sich die meisten Börsen bis vor wenigen Monaten weder von der unerwarteten Wahl Donald Trumps 2016, noch von dem Ausgang des Brexit-Referendums und auch nicht von dem beginnenden Handelskrieg irritieren. Allenfalls kam es zu kleinen Rückschlägen, die einige Nachzügler als Einstiegschance wahrnahmen.

Brexit, Argentinien, Türkei: Wie Politik Werte vernichtet

Aber betrachten wir den Brexit einmal genauer. Angenommen, es kommt tatsächlich zu einem ungeordneten Ausstieg Großbritanniens aus der Europäischen Union, wie lange würde sich diese politische Entscheidung in den Kursen britischer Unternehmen auswirken? Politik würde die Rahmenbedingungen für die in Großbritannien tätigen Unternehmen grundlegend ändern, der eingeschränkte Zugang zum EU-Binnenmarkt übersetzt sich in dauerhaft geringere Gewinnaussichten, einzelne Unternehmen würden diese Disruption möglicherweise nicht überleben. Diplomatische Spannungen zwischen der britischen Regierung auf der einen und Brüssel auf der anderen Seite könnten zunehmen und die wirtschaftlichen Beziehungen dauerhaft belasten. Kurze Beine?

Argentinien ist ein weiteres Beispiel. Dort ist Politik alles, Gewinne auf der Basis fundamentaler wirtschaftlicher Entwicklungen sind die Ausnahme. Militärdiktatur in den 1970er Jahren, Hyperinflation am Ende der 1980er, eine verpfuschte Privatisierungspolitik in den 1990ern und bis 2017 eine durch Korruption und Missmanagement geprägte Caudillo-Politik durch die Familie Kirchner. Die in derartigen Ländern nominal ungewöhnlich hohen Aktienkurszuwächse sind in der Regel das Ergebnis einer massiven Inflation. Häufig bleibt real gar nichts von den Zuwächsen übrig.

Anleger in der Türkei wissen ebenfalls ein Lied davon zu singen, wie die Politik Wertvernichtung betreiben kann. Ein Investment, das man Anfang 2010 in den türkischen Aktienmarkt getätigt hat, hinkt derzeit der Inflationsentwicklung um 36 Prozent hinterher.

Venezuela: 100.000 Prozent Inflation - pro Monat

Venezuela: Nicolas Maduro hat das ölreiche Land an den Abgrund gewirtschaftet

Eines der extremsten Beispiele ist Venezuela. Präsident Hugo Chávez hat es nach seiner Wahl im Jahr 1998 geschafft, das Land mit den weltweit größten Rohölreserven in eine dysfunktionale Staatswirtschaft zu verwandeln. Sein Nachfolger Nicolás Maduro hat diesen Kurs konsequent fortgesetzt. Das Ergebnis ist niederschmetternd: Das Land fördert mit Ach und Krach eine gute Million Barrel Rohöl pro Tag, weniger als ein Drittel der Förderung von vor zehn Jahren. Das Pro-Kopf-Einkommen liegt rund die Hälfte unter dem Niveau des Jahres 1980; rund 2,5 Millionen Venezolaner - acht Prozent der Bevölkerung - sind ins Ausland, vor allem nach Kolumbien, geflohen. Und die Inflation liegt bei schätzungsweise 100.000 Prozent - pro Monat. Was das für Aktieninvestoren bedeutet, muss hier kaum quantifiziert werden.

Politik beeinflusst Aktienkurse - und zwar langfristig

Nehmen wir schließlich den Handelskrieg. Ein politisch motivierter Protektionismus, der die Globalisierung zurückdreht, hätte durchaus dass Potenzial, der Weltwirtschaft dauerhaften Schaden zuzufügen. Das langfristige globale Wachstum würde niedriger ausfallen, Gewinnprognosen müssten angepasst werden, entsprechend würden auch Aktienmärkte und Währungsverhältnisse vollkommen neu eingeschätzt werden. So muss es nicht kommen - und manches spricht dafür, dass doch noch die Vernunft einkehrt. Tatsache ist aber, dass Politik - in diesem Fall ganz konkret die Handelspolitik der USA - einen maßgeblichen und langfristigen Einfluss auf die Aktienkurse haben kann.

Meine Börsenweisheit ist daher kein eleganter Spruch, sondern eine schlichte Empfehlung. Bei aller Wichtigkeit ökonomischer Faktoren: Geben Sie acht auf die Politik. Sie kann auch Ihr Portfolio langfristig sehr wohl ordentlich durcheinander wirbeln.

Cyrus de la Rubia ist Chefvolkswirt bei der Hamburg Commercial Bank in Hamburg und schreibt hier als Gastkommentator. Gastkommentare geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder.

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