Donnerstag, 13. Dezember 2018

Börsenprofi Carsten Mumm erklärt Was beim Thema Brexit noch auf Anleger zukommt

BINO oder No-Deal? Das sind die möglichen Auswirkungen auf britische Zinsen und Aktien.

Geht es nach dem britischen Ökonomen Simon Wren-Lewis, könnte sich die Bevölkerung in Großbritannien und in der Europäischen Union (EU) auf den sogenannten "Brexit In The Name Only" - kurz "BINO" - einstellen. Der BINO entspräche einem weitgehend entschärften, eben nur dem Namen nach erfolgten Austritt Großbritanniens aus der EU - quasi einer "Mogelpackung".

Carsten Mumm
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    Carsten Mumm, Chefvolkswirt und Leiter der Kapital-marktanalyse bei der Privatbank Donner & Reuschel.

Allerdings gibt es gewichtige Argumente, die dieser These entgegenstehen. So steht ein BINO keineswegs schon als Ergebnis des zähen Austrittprozesses fest. Zudem ist die Abkehr vom Brexit rechtlich und politisch nahezu ausgeschlossen. Daher besteht nach wie vor auch die Möglichkeit eines No-Deal-Szenarios, also eines ungeordneten Austrittes.

Der Faktor Zeit ist entscheidend in den laufenden Verhandlungen zwischen den Vertretern der EU und der britischen Regierung. Sollte die Verhandlungsfrist nicht verlängert werden, wäre ein No-Deal-Brexit aus heutiger Sicht sogar das wahrscheinlichste Szenario. Die verbleibende Zeit bis zum 29. März 2019 - dem aktuell offiziellen Austrittsdatum - wäre viel zu knapp, denn die konkrete Form des Austrittsvertrags müsste schon im Herbst 2018 vorliegen, um noch rechtzeitig vom britischen und den Parlamenten der EU-Mitgliedsstaaten ratifiziert zu werden.

Das auf den ersten Blick möglicherweise erstrebenswerteste Szenario eines BINO könnte also zerplatzen, obwohl die Verfechter eines harten Brexit in der britischen Regierung durch die Rücktritte von Außenminister Boris Johnson und Brexit-Minister David Davis vorerst an Gewicht verloren haben. Beide gaben als Grund die Mitte Juni in einem Weißbuch veröffentlichte Brexit-Strategie von Premierministerin Theresa May an. Nun wird die Regierungschefin die Verhandlungen selbst führen. Der neue Brexit-Minister Dominic Raab wird lediglich stellvertretend in die Verhandlungen einbezogen.

Theresa May möchte den Zugang zum europäischen Binnenmarkt aufrechterhalten, allerdings mit Einschränkungen bei der Freizügigkeit von Kapital, Arbeitskräften, Waren und Dienstleistungen. Der Ansatz klingt jedoch nach dem "Rosinenpicken", das die EU explizit vermeiden möchte. Trotzdem sieht EU-Chefunterhändler Michel Barnier eine Basis für konstruktive Verhandlungen. Die Tür für weitere Verhandlungen steht also weiter offen.

Die Themenfülle und die teilweise kaum zu vereinbarenden Positionen - etwa zur Handhabung der Grenze zwischen Irland und Nordirland - lassen jedoch noch lange Sitzungsnächte erwarten und werden uns in den kommenden Monaten immer wieder und wegen der verrinnenden Zeit vermutlich verstärkt begleiten. Eine konkrete Prognose über den Ausgang dieses beispiellosen Verfahrens auf höchsten politischen Ebenen ist indes kaum möglich.

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Die Kapitalmärkte lesen sich fast wie ein Begleitbuch der bisher zwei Jahre andauernden Brexit-Diskussionen. Seit dem Tag des EU-Mitgliedschaftsreferendums am 23. Juni 2016 verlor das britische Pfund Sterling im Vergleich zum Euro knapp 10 Prozent an Wert. Seit dem Höchststand der Gemeinschaftswährung bei 0,93 GBP/EUR im August 2017 konnte des Pfund jedoch zwischenzeitlich wieder zulegen und notiert seitdem relativ stabil in einer Spanne zwischen 0,86 und 0,90 GBP/EUR. In den nächsten Wochen dürfte der Kurs des Pfundes ein Seismograf der Verhandlungsfortschritte werden. Sollte die Wahrscheinlichkeit für ein No-Deal-Szenario tatsächlich steigen, dürften die Notierungen aus Mitte 2017 wieder ins Visier genommen werden. Dann wäre sogar das Erreichen der Parität von einem 1,00 GBP/EUR möglich.

Eine sehr schwache britische Währung, würde die Inflation anheizen, da importierte Waren und Dienstleistungen deutlich teurer würden. Der Gegenwert der von Großbritannien importierten Waren belief sich in 2017 auf immerhin 640 Milliarden US-Dollar oder knapp 25 Prozent des gesamten britischen Brutto-Inlandsproduktes (BIP). Die Euro-Staaten Deutschland, Niederlande und Frankreich hatten allein einen Anteil von knapp 30 Prozent an diesen Importen. Eine Abschwächung des Pfunds von derzeit knapp 0,90 GBP/EUR in Richtung Parität hätte somit erhöhte Kosten für Importe in Höhe von gut 10 Prozent zur Folge.

Im Juni 2018 lag die Steigerung der Verbraucherpreise bereits bei 2,4 Prozent - in diesem Fall vor allem den gestiegenen Energiepreisen geschuldet. Nachhaltig anziehende Verbraucherpreise würden die britische Notenbank Bank of England (BoE) dazu zwingen, die aktuell mit 0,5 Prozent p.a. niedrigen Leitzinsen weiter anzuheben. Die besonders inflationssensiblen langfristigen Finanzierungskonditionen würden sogar noch deutlicher anziehen und damit die ohnehin bereits Brexit-geplagten Unternehmen belasten.

Schwache Währung = steigende Aktienkurse, so lautet eine oftmals zutreffende Faustregel an den Börsen. Und tatsächlich konnte der britische Leitindex FTSE 100 Börsen-Chart zeigen seit dem Referendum in der Spitze über 25 Prozent zulegen. Für viel unerwartet war vor allem der rasante Anstieg der Aktienkurse unmittelbar nach dem Referendum bis Ende 2016. Um über 15 Prozent zogen die Notierungen an.

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Begründet wurde der Aktienkursanstieg im Nachhinein vor allem durch die hohe Exportorientierung der im Index zusammengefassten größten britischen Unternehmen. Diese Rechnung dürfte im Falle einer weiteren und möglicherweise heftigen Abschwächung des Pfundes jedoch nicht mehr aufgehen. So beliefen sich die Exporte Großbritanniens in 2017 auf gerade einmal 444 Milliarden US-Dollar oder knapp 17 Prozent des BIP und lagen damit deutlich unter dem Wert der importierten Waren. Zudem stammen auch hier aggregiert betrachtet die wichtigsten Handelspartner aus der EU. Ob diese Anteile bestehen bleiben, hängt ebenfalls unmittelbar vom Fortgang der laufenden Verhandlungen ab. Es ist aber davon auszugehen, dass der negative Kosteneffekt durch teurere Importe den positiven Effekt durch im Ausland günstigere Exportpreise überkompensieren würde.

Auch darüber hinaus sind die Aussichten für britische Aktien derzeit höchst ungewiss. Der Austritt eines EU-Mitglieds ist völliges Neuland für alle Beteiligten und mit entsprechenden Unsicherheiten verbunden wie die aktuellen Verhandlungen zeigen. Diverse Unternehmen haben bereits ihre Konsequenzen gezogen und Standorte in verbleibende EU-Regionen verlegt oder sind in entsprechenden Planungen. Andere bereiten sich auf steigende Kosten durch die Handhabung von Zöllen oder anderen Hemmnissen im Zuge eines eingeschränkten Verkehrs von Waren, Dienstleistungen, Menschen und ggf. Kapital vor.

Allein diese bereits erfolgten Weichenstellungen dürften die Wahrscheinlichkeit eines BINO-Szenarios absenken. Wie sollte man den Unternehmen erklären, dass man sich doch kurzerhand anders entschieden hat? Politische Berechenbarkeit als Grundlage privatwirtschaftlichen Handelns sieht anders aus….

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