Samstag, 27. August 2016

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Griechenland und die Börse Na und, Herr Tsipras?

Wahlsieger Tsipras: Die Finanzmärkte sind von den Maßnahmen des Links-Politikers weitgehend unbeeindruckt - mit seinen ersten Amtshandlungen hat Tsipras lediglich die Athener Börse zum Einsturz gebracht

Griechenlands neuer Regierungschef Alexis Tsipras schraubt Reformen zurück, sein Finanzminister setzt die Troika vor die Tür - und die Börsen in Europa beeindruckt das kaum. Das ist gut für Anleger - und schlecht für Tsipras.

Alexis Tsipras hat sich in den vergangenen Tagen wirklich alle Mühe gegeben, die europäischen Finanzmärkte ins Wanken zu bringen. Aber es ist ihm nicht gelungen.

Es fing damit an, dass der Führer des griechischen Linksbündnisses Syriza die Parlamentswahl in seinem Heimatland am vergangenen Sonntag gewonnen hat. Das allein hätte vor wenigen Jahren wohl schon ausgereicht, um an Europas Börsen ein Beben auszulösen.

Dann Tsipras' erste Entscheidungen: Ende von Sparkurs und Reformen, Wiedereinstellung Tausender Staatsbediensteter, Stopp der Privatisierungen. Im Eiltempo will der neue griechische Ministerpräsident wahr machen, was er seinen Wählern vor dem Urnengang versprochen hat - und was noch vor wenigen Jahren ein Horrorszenario für die Eurozone gewesen wäre.

Doch auf Europas Finanzmärkten bleibt der Kurssturz aus. Selbst als es am Freitag in Athen zum Eklat kam, als die griechische Regierung erklärte, sie werde die internationalen Geldgeber "Troika" vor die Tür setzten, reagierte die Börse in Frankfurt kaum. Zwar drehte der deutsche Leitindex Dax Börsen-Chart zeigen aufgrund schwächerer Konjunkturdaten aus den USA leicht in die Verlustzone, doch behält der Dax sein Rekordhoch von 10.810 Punkten im Blick, das er unmittelbar nach dem Wahlsieg von Syriza erreicht hatte.

Kaum noch jemand fürchtet des "Grexit" - nur Athens Börse bricht ein

Nur in einem Land erzielte Tsipras mit seinen Aktivitäten Wirkung: bei ihm zu Hause, in Griechenland. Dort flohen Investoren aus Staatsanleihen und stießen geradezu panisch Aktien ab. Der Leitindex Athex in Athen gab über die Woche beinahe 15 Prozent ab. Damit sind griechische Papiere so weit gefallen, dass Nobelpreisträger Robert Shiller sogar schon wieder zum Einstieg rät.

Es scheint sich zu bestätigen, was viele schon vor der Griechenwahl prognostiziert hatten: Die prekäre Lage des Landes stellt für die Eurozone keine allzu große Bedrohung mehr da. Selbst ein möglicher Austritt der Hellenen aus dem gemeinsamen Währungsgebiet ("Grexit") fürchtet am Finanzmarkt kaum noch jemand. Das hat Gründe:

  • Einige Länder in der Eurozone, die noch vor wenigen Jahren auf der Kippe standen, haben sich leidlich erholt. Portugal und Spanien benötigen keine Hilfe mehr aus dem Euro-Rettungsschirm. Die Gefahr eines Dominoeffektes, nach dem etwa ein "Grexit" weitere Euroländer ins Taumeln bringen könnte, existiert kaum noch. Insgesamt steht es um die Wirtschaft in der Eurozone besser als gedacht, wie am Freitag veröffentlichte Daten zum Arbeitsmarkt zeigen.
  • Jene Euro-Rettungsmechanismen, die vor Jahren, beim ersten Auflammen der Griechenland-Krise, erst geschaffen werden mussten, sind inzwischen etabliert. Die Eurozone hat im Ernstfall dreistellige Milliardenbeträge zur Verfügung, um Italien oder Spanien zu schützen.
  • Auch Europas Banken droht kaum Gefahr aus Griechenland, denn sie haben ihre Engagements in dem Land bereits weitgehend zurückgefahren.
  • Vor allem aber sorgt die Europäische Zentralbank (EZB) für Beruhigung an den Finanzmärkten. 2012 hatte EZB-Präsident Mario Draghi bereits angekündigt, sein Institut werde alles in seiner Macht stehende tun, um den Euro zu erhalten. Vor wenigen Tagen ließ er Taten folgen: 1,1 Billionen Euro will Draghi sukzessive in die Finanzmärkte geben, um den Geldkreislauf in Schwung zu bringen und die Konjunktur zu stärken.

Die Börsen in Europa werden aber noch durch weitere Faktoren gestützt:

  • Internationale Investoren begrüßen, dass sich die EZB nach der US-Zentralbank Fed nun ebenfalls zum sogenannten Quantitative Easing, der lockeren Geldpolitik durch Aufkauf von Staatsanleihen, entschlossen hat. Weil europäische Aktien im Schnitt noch günstiger zu haben sind als US-amerikanische, investieren auch ausländische Investoren wieder verstärkt in Europa.
  • Heimische Anleger dürfte es wegen der auf absehbare Zeit gesicherten EZB-Geldflut ebenfalls zum Aktienmarkt ziehen - zumal mit Staatsanleihen kaum noch Rendite zu machen ist. 30-jährige Bundesanleihen bringen weniger als ein Prozent Zinsen - das ist ein Rekordtief.
  • Mit ihrer Geldflut schwächt die EZB den Euro: Ein weicher Euro wirkt ebenso wie das billige Öl wie ein Konjunkturprogramm, da europäische Exporteure ihre Waren günstiger auf dem Weltmarkt verkaufen können. Zu den Profiteuren gehören deutsche Unternehmen.

Kurzum: Börsianer haben das Thema Griechenland kaum noch auf dem Schirm. In dieser Woche beispielsweise ging der Blick deutlich stärker in die USA, wo mit Apple Börsen-Chart zeigen, Facebook Börsen-Chart zeigen, Amazon Börsen-Chart zeigen und Google Börsen-Chart zeigen gleich mehrere Big Player der Technologiebranche ihre Geschäftsergebnisse präsentierten.

Für den neuen griechischen Ministerpräsidenten Tsipras sind das keine guten Nachrichten. Denn dadurch wird möglicherweise seine Strategie durchkreuzt: Sollte Tsipras darauf gesetzt haben, mit seinem radikalen Kurs die Euroretter unter Druck setzen zu können, so hätte er sich wohl verkalkuliert.

Tatsächlich sind die Karten des Griechen offensichtlich schlechter als gedacht, wenn er in Brüssel zum Verhandlungspoker um weitere Finanzhilfen für Griechenland antritt.

Als Börsenschreck kann Tsipras in Europa nicht mehr auftreten - höchstens noch im heimischen Athen.

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