Freitag, 19. Oktober 2018

Warum der Bitcoin-Boom unser Wirtschaftssystem gefährdet Kursziel Bitcoin 100.000 US-Dollar - leider!

Kryptowährung Bitcoin: 100.000 Dollar sind möglich - es droht das größte Schneeballsystem der Geschichte
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Kryptowährung Bitcoin: 100.000 Dollar sind möglich - es droht das größte Schneeballsystem der Geschichte

Vor rund einem Jahr war die Kryptowährung Bitcoin Börsen-Chart zeigen und die dahinterstehende Blockchain-Technologie eher ein Thema für Experten. Schließlich war an den Kapitalmärkten völlig klar, dass jede Währung in ein regulatives Umfeld eingebettet sein muss. Doch durch den Kursanstieg im Jahr 2017 um bislang fast 2000 Prozent ist Bitcoin inzwischen nicht nur ein Thema an den Kapitalmärkten, sondern begleitet nicht selten die aktuell stattfindenden Weihnachtsfeiern, Gespräche mit Freunden oder Elternabende in der Schule. Ähnlich wie vor fast 20 Jahren der Neue Markt ist Bitcoin in der Mitte der Gesellschaft angekommen.

Markus Schön
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    Markus Schön ist Geschäftsführer der DVAM Vermögensverwaltung GmbH. Das Unternehmen beschäftigt sich mit der individuellen Vermögensverwaltung und dem strategischen Finanzmanagement auf überwiegend langfristiger, makroökonomischer Basis. Aktuell hat Markus Schön ein Buch über die Wirtschaftspolitik Donalds Trumps "Twittern zur Planwirtschaft" geschrieben.

Es klingt zu verlockend: Man hat eine neue Währung, mit der man Zahlungen unabhängig von Kreditinstituten abwickeln kann. Durch die fehlende Regulatorik kann vermeintlich niemand Einfluss auf die Währung nehmen. Durch die vorgegebene Begrenzung steht einem definierten Angebot eine derzeit unbegrenzte Nachfrage gegenüber - ein Traum für die Kapitalmärkte, weil es niemandem besser als Investmentbankern gelingt, aus nichts ein Vermögen zu erzielen.

Leider sind diese Vermögen häufig auf Sand gebaut, der gerade den Anlegern, die jetzt auf eine Anlage in Bitcoin setzen, durch die Finger rinnen wird.

Die Seifenblasen-Währung

Bitcoins sind Seifenblasen für Erwachsene. Sie glänzen wunderbar, aber wenn sie platzen, bleibt nichts übrig. Bitcoins sind aufgebaut wie ein klassisches Schneeballsystem: Jemand schafft etwas, weist auf die begrenzte Verfügbarkeit hin und ist bereit, diesen Wert mit anderen zu teilen. Der letzte Schritt ist entscheidend, da Bitcoins ohne ihn wertlos wären. Anders als mit den meisten Rohstoffen, kann man aus Bitcoins nichts machen.

Deswegen hält die Kryptowährung auch dem Vergleich mit Gold nicht stand, weil Gold seit Jahrtausenden ein Tauschmittel ist, das man ohne jegliche andere Infrastruktur jederzeit eintauschen kann. Man erhält unter Umständen zwar einen extrem schlechten Wechselkurs - aber Gold bleibt immer konvertibel.

Dieses Prinzip konnte nur deshalb auf reine Papierwährungen wie den US-Dollar, den Schweizer Franken oder mit Abstrichen den Euro übertragen werden, weil Notenbanken für eine Regulierung sorgten und im Zweifel Volkswirtschaften mit ihrer zukünftigen Einnahmeperspektive für ein gewissen Werterhalt der Währungen eintreten. Dies alles fehlt im System Bitcoin. Hier reicht die Behauptung, die Währungseinheit sei aktuell beispielsweise 16.500 US-Dollar wert. Dieser Wert entsteht aber nur, weil derzeit mehr Menschen Bitcoins kaufen als Anleger verkaufen wollen. Der innere Wert eines Bitcoins ist nahe null.

Futures befeuern die Kursrally

Deswegen hatten viele vermeintliche Experten mit einem Crash der Digitalwährung nach der Einführung eines Bitcoin-Futures gerechnet. Schließlich kann man nun auch auf fallende Kurse spekulieren. Umgekehrt ist es aber jetzt auch möglich, mit relativ geringem Kapitaleinsatz den Preis der Kryptowährung weiter nach oben zu treiben. Je stärker der Wert des Bitcoin steigt, desto größer sind die Gewinnmöglichkeiten, wenn man nahe dem Höchststand auf den Crash wettet. Entsprechend befinden wir uns gerade in der Phase, in der der Preis nach oben getrieben wird. Dies zieht immer mehr reales Kaufinteresse nach sich, weil jeder bei diesem "todsicheren Geschäft" dabei sein will. So geht die Bitcoin-Rekordjagd noch ein wenig weiter.

Das größte Schneeballsystem der Geschichte - 100.000 US-Dollar sind denkbar

Es ist denkbar, dass Bitcoin in den nächsten Wochen sogar die Marke von 100.000 US-Dollar erreicht. Dann würde das bislang größte bekannt gewordene Schneeballsystem im Volumen um das mehr als 25-fache übertroffen. Der Markt der Digitalwährung wäre dann 1,5 Billionen US-Dollar groß. Wenn der Bitcoin schließlich crasht, müssen sich insbesondere die zuletzt eingestiegenen Anleger wie so oft mit der Börsenweisheit trösten: Das eingesetzte Geld ist nicht weg, es hat nur jemand anderes. Allerdings wäre dann der unvorstellbare Betrag von 1,5 Billionen US-Dollar auch in weiten Teilen der produktiven Wertschöpfung entzogen worden.

Gewaltiges Schadenspotenzial

Bitcoin ist schon jetzt kein Wachstumsmotor, sondern eine Wachstumsbremse. Dies gilt umso mehr, wenn Gelder aus sich gerade im privaten Sektor immer höher verschuldenden Volkswirtschaften wie China in solche Digitalwährungen umgeschichtet werden. Dort fehlt dann das Geld nicht nur zur Entschuldung. Auch der psychologische Effekt des gefühlten Scheiterns im freien Kapitalmarkts würde nicht ohne Folgen bleiben. Sehr schnell könnte sich der Wunsch nach mehr staatlicher Regulierung aller Lebensbereiche in sich noch entwickelnden Volkswirtschaften ausbreiten. Die Schadenspotenziale für eine freiheitliche und liberale Weltwirtschaftsordnung sind riesengroß.

Dies erkennen auch immer stärker die Notenbanken, die theoretisch der Rettungsanker für Bitcoin sein könnten. So könnte dort entschieden werden, Bitcoin als gemeinsame Digitalwährung unterschiedlichster Notenbanken zu übernehmen und zu etablieren. Möglicherweise spekulieren einige Bitcoin-Investoren genau auf dieses Szenario und hoffen mit jeder Kurssteigerung, dass hier - ähnlich wie bei Finanzinstituten 2009 - "too big to fail" gilt. Darauf dürfte sich aber keine Notenbank der Welt einlassen. Schließlich würde der geldpolitische gelenkte Austausch von Bitcoins in reale Währungen immer das Risiko in sich bergen, dass das Vertrauen in die jeweilige Notenbankwährung auf dem fundamentalen Wert eines Bitcoins fällt. Auf null.

Markus Schön ist Geschäftsführer des DVAM Vermögensverwaltung GmbH und Mitglied der MeinungsMacher von manager-magazin.de. Trotzdem gibt diese Kolumne nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion des manager magazins wieder.

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