Freitag, 20. Oktober 2017

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Versicherungsbranche im Umbruch Unglücklich mit der Police? Wie wäre es mit einer Aktie!

Im Umbau: Versicherungskonzerne krempeln ihr Geschäft um - zur Freude der Investoren

Umbruch in der Versicherungsbranche: Die ersten Versicherer stoßen Millionen alte Policen ab, weil sie wegen hoher Garantiezinsen zur Last werden. Damit bringen die Versicherer zwar ihre Kunden gegen sich auf - für Investoren werden sie jedoch attraktiver.

Millionen Besitzer von Lebensversicherungspolicen dürften über die Nachrichten dieser Woche nicht erfreut gewesen sein: Zunächst gab die Versicherungsgesellschaft Ergo bekannt, dass sie sich von ihrem Lebensversicherungsgeschäft trennen will und für etwa sechs Millionen noch laufende Versicherungsverträge einen Käufer sucht. Tags darauf verkündete der italienische Versicherer Generali, sein Deutschland-Geschäft komplett umzubauen - für den hiesigen Lebensversicherungsbereich der Italiener - bestehend aus immerhin etwa vier Millionen laufenden Policen - bedeutet das ebenfalls das Aus. Ein Käufer für die Verträge werde gesucht, so der Konzern.

Damit könnte beginnen, was Beobachter seit Längerem befürchten: Der Ausverkauf von Millionen Lebensversicherungspolicen. Insbesondere alte Verträge belasten die Versicherer seit Jahren zunehmend, denn sie enthalten noch hohe Garantiezinsen, die die Konzerne im heutigen Niedrigzinsumfeld kaum erwirtschaften können.

Daher zieht die Assekuranz nun die Reißleine. Experten erwarten, dass es bei den Fällen der Munich Re-Tochter Ergo sowie der Generali nicht bleiben wird, sondern dass weitere Versicherungsfirmen dem Beispiel folgen werden. Auch Alexander Vollert beispielsweise, Deutschland-Chef der Axa, nannte die Abwicklung alter Lebensversicherungsverträge über eine sogenannte Run-off-Plattform in einem Interview mit der "Börsenzeitung" in dieser Woche "durchaus eine Option".

Ohn mächtige Kunden

Für die Versicherungskunden beginnt damit die Reise in eine ungewisse Zukunft. Die Garantien ihrer Policen bleiben zwar bestehen. Doch wer weiß, wie es beispielsweise Hedgefonds oder andere Finanzinvestoren als mögliche künftige Vertragspartner etwa mit dem Kundenservice oder der Verlässlichkeit von Zahlungsabwicklungen halten. Axel Kleinlein jedenfalls, Chef des Bundes der Versicherten und damit Deutschlands oberster Verbraucherschützer in diesem Bereich, ist sich bereits sicher: "Dieses Erdbeben in der deutschen Lebensversicherung gefährdet die Altersvorsorge von mindestens 10 Millionen Menschen." Und auch Hermann Weinmann, Finanzprofessor von der Hochschule Ludwigshafen, äußert große Sorge.

"Das Haus Lebensversicherung bebt, die Statik gerät ins Wanken", schreibt Weinmann in einem Gastkommentar für manager magazin online. Der Kunde bekomme ein Gefühl der Ohnmacht und sehe sich ins Abseits gestellt, so der Experte. "Deutschland nach der Wahl ist Deutschland mit der Lebensversicherung als Koalitionsfrage", meint er.

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