Donnerstag, 19. Oktober 2017

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Versicherungsbranche im Umbruch Unglücklich mit der Police? Wie wäre es mit einer Aktie!

Im Umbau: Versicherungskonzerne krempeln ihr Geschäft um - zur Freude der Investoren

2. Teil: Das spricht für Versicherungsaktien

Keine angenehmen Aussichten also für die betroffenen Besitzer von Lebensversicherungspolicen. Auf der anderen Seite: Die Versicherungskonzerne ziehen mit den Verkaufsentscheidungen einen Strich unter ein schwieriges Kapitel und können davon unbelastet in die Zukunft blicken. Das macht sie möglicherweise attraktiver für Investoren. Warum also nicht - bei allem Ärger über den Policenverkauf - aus der Not eine Tugend machen, und über den Kauf von Versicherungsaktien nachdenken?

"Ohne diesen Klotz am Bein werden die Versicherungsgesellschaften für Aktionäre deutlich interessanter", meint Lothar Koch, Leiter des Portfoliomanagements beim Vermögensverwalter GSAM + Spree Asset Management in Düsseldorf. Versicherte sollten sich laut Koch die Frage stellen, warum eine Gesellschaft das Policengeschäft verkauft und von den Versicherten erwartet, die Policen weiter zu bedienen. "Vielleicht ist die Aktie ja generell attraktiver."

Auch Karl-Heinz Geiger, Geschäftsführer der SVA Vermögensverwaltung, ist sich sicher: Das Abstoßen der Altverträge "sollte die Bilanzen der Versicherer in den nächsten Jahren deutlich verbessern können."

Allerdings stellt das Geschäft mit den Lebensversicherungen bei den meisten Versicherern lediglich eine von vielen Aktivitäten dar - damit hat es auch nur einen begrenzten Einfluss auf die Geschäftsergebnisse. Zuletzt sorgten beispielsweise die heftigen Wirbelstürme in der Karibik für Milliardenschäden - und für erhöhte Betriebsamkeit in der Versicherungsbranche. Der weltgrößte Rückversicherer Munich Re etwa musste angesichts der Naturgewalten gar eine Gewinnwarnung herausgeben.

Analysten äußern sich bei der Frage nach der Kursrelevanz der Policenbestands-Verkäufe daher eher vorsichtig. Auf Dauer verbessere sich die Situation der Unternehmen schon, sagt etwa Markus Rießelmann von Independent Research zu manager magazin online. Der Trend im Neugeschäft gehe bereits seit Längerem zu Policen mit mehr Risiko und weniger Garantien - das könnten die Versicherer nun unbeschwert fortsetzen, so der Analyst.

Renditen in USA steigen

Michael Huttner von JP Morgan hält insbesondere die Pläne der Munich Re-Tochter Ergo für einen bedeutenden Schritt. Schließlich trügen die zur Disposition stehenden Bereiche nur unwesentlich zum Konzerngewinn bei, benötigten aber rund ein Drittel der Kapitalbasis. Hadley Cohen von der Deutschen Bank dagegen sieht den Fall skeptischer. Die Restrukturierung der Ergo werde teilweise revidiert, so Cohen in einer Analyse. Diese habe aber erst vor 15 Monaten begonnen und koste zwei Milliarden Dollar.

Einerseits. Andererseits fällen die Analysten insgesamt ein eher positives Urteil über die großen Versicherungsaktien, von denen mit Munich Re und Allianz zwei im deutschen Leitindex Dax vertreten sind. Bei der Munich Re etwa stehen derzeit acht Kaufempfehlungen lediglich vier Verkaufsempfehlungen gegenüber, während der größte Teil der Fachleute immerhin empfiehlt, die Aktie im Depot zu halten.

Bei Branchenprimus Allianz sieht das Bild noch erfreulicher aus: Der Konzern kommt auf 15 Kaufempfehlungen gegenüber nur zwei Verkaufsempfehlungen. Insgesamt neun Analysten meinen zudem, das Papier sollte zumindest im Depot gehalten werden.

Beide deutschen Großversicherer gehören seit Jahren zu den verlässlichsten Dividendenzahlern und kommen gegenwärtig auf eine Dividendenrendite von jeweils mehr als 4 Prozent.

Auch die Performance sprach zuletzt für die Versicherungsaktien. Der europäische Branchenindex Euro Stoxx Insurance etwa legte innerhalb der vergangenen zwölf Monate um 31 Prozent zu. Zum Vergleich: Der marktbreite Index Euro Stoxx 50 kam im gleichen Zeitraum auf eine Performance von lediglich 19 Prozent. Auch die Papiere von Allianz und Munich Re haben in diesem Zeitraum deutlich zweistellige Kursgewinne erzielt.

Und der Blick in die Zukunft? Die Entlastung von den alten Lebensversicherungsbeständen ist nicht der einzige Faktor, der den Versicherungsaktien künftig weiter Auftrieb geben könnte. Ein weiterer ist das Renditeniveau an den Kapitalmärkten, das zuletzt nach oben ging, und von dem der Erfolg der Versicherer als Großinvestoren entscheidend abhängt.

Christoph Rottwilm auf Twitter

Insbesondere in den USA zogen die Renditen in dieser Woche merklich an. Die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen etwa erreichte mit 2,34 Prozent den höchsten Stand seit Mitte Juli. Als Grund nennen Beobachter unter anderem die von US-Präsident Donald Trump konkretisierte Aussicht auf Steuersenkungen in den USA, mit denen die Verschuldung zunehmen und die Zinsen weiter steigen dürften.

Das wären gute Nachrichten für die Versicherungskonzerne - und für deren Aktionäre.

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