Samstag, 23. September 2017

Börsenprofi Thomas Grüner zeigt Sorgenfrei in den Urlaub mit Stop-Loss?

Die Idee, ein Depot vor dem Urlaub per Stop-Loss "abzusichern", ist beliebt. Doch die größten Gewinner dieser Strategie sind die Banken, die an den Transaktionskosten verdienen
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Die Idee, ein Depot vor dem Urlaub per Stop-Loss "abzusichern", ist beliebt. Doch die größten Gewinner dieser Strategie sind die Banken, die an den Transaktionskosten verdienen

Pünktlich zur Sommerzeit gehen viele Medien erneut der Frage nach: Wie sichere ich mein Depot in der Urlaubszeit ab? Dieses Thema lässt Anleger aufhorchen, denn wer will schon tatenlos am Strand herumliegen, wenn im Hintergrund die Märkte abstürzen?

Thomas Grüner
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    Thomas Grüner ist Gründer und Chief Investment Officer des Vermögens- verwalters Grüner Fisher Investments (www.gruener-fisher.de) mit Sitz in Rodenbach bei Kaiserslautern.

Ein beliebter "Lösungsansatz" für den gesteigerten Wohlfühlfaktor: Stop-Loss. Eine automatische Orderausführung zu vordefinierten Kursen, die den totalen Absturz verhindern soll. Investieren mit Sicherheitsnetz, fahren mit Anschnallgurt, große Katastrophen vermeiden - positive Umschreibungen der Stop-Loss-Strategie sind zahlreich vorhanden.

So kann man den Urlaub definitiv entspannter angehen. Oder etwa doch nicht?

Die "Strategie" im Detail

Ein Stop-Loss-Limit erzeugt einen automatischen Verkauf des zugrundeliegenden Wertpapiers bei einem bestimmten erreichten Verlust, prozentual oder absolut. Diese Verlustgrenze kann statisch oder auch dynamisch (mit sogenannten Trailing-Stops) gesetzt werden. Wer sich beispielsweise für ein Stop-Loss-Limit bei 15 Prozent unter dem Einstiegskurs entscheidet, wird niemals eine Aktie im Depot besitzen, die sich mehr als 15 Prozent im Minus befindet.

Anleger richten den Fokus verstärkt auf Verluste, ein wohlbekanntes Phänomen in der Verhaltensökonomie. So scheint es auch nicht zu überraschen, dass Stop-Loss eine beliebte Strategie für Anleger darstellt, die einen Schutz vor Verlusten suchen.

Vor allem in Zeiten einer verstärkten Marktvolatilität oder in Korrekturphasen steigt dieser Schutzinstinkt - wenn die Angst vor Verlustrisiken im Depot die Angst vor einem verpassten Aufschwung übersteigt. Oder wenn man sich in den besagten Urlaubsphasen gezwungen fühlt, eine Art "Kontrollmechanismus" zu installieren.

Wie gut funktioniert diese Taktik?

Das generelle Problem besteht darin, dass eine historische Preisbewegung keine Vorhersagekraft für die Preisbewegung der unmittelbaren Zukunft hat. Aktienpreise besitzen keine serielle Korrelation. Wer einen Stop-Loss-Kurs setzt, geht somit die simple Wette ein, dass der Aktienpreis seinen vorangegangenen Abwärtstrend fortführt. In dieser Situation würde der Ausstieg aus dem Markt - eventuell kombiniert mit einem späteren Wiedereinstieg zu verbilligten Kursen - eine strategisch richtige Entscheidung darstellen.

Bei einem gegenläufigen Trend und der verpassten Chance zum Wiedereinstieg steht unter dem Strich ein "sell low" zu Buche. Vom Grundprinzip ist die Stop-Loss-Taktik also weit entfernt vom simplen Erfolgsrezept "buy low, sell high". Zum Zeitpunkt des Ausstiegs ist die Entscheidung vorerst nicht mehr als ein Münzwurf.

Wenn ja, dann wie?

Welches Stop-Loss-Niveau ist denn das richtige? Wie kann man Szenarien vermeiden, dass eine Aktie nur kurzfristig unter die gewählte Schwelle fällt, einen Verkauf auslöst und sich dann dynamisch nach oben bewegt, weit über die vorherigen Kursniveaus hinaus? Die Antwort: gar nicht.

Das Stop-Loss-Limit ist eine zufällig gewählte Marke, je nachdem wie stark es um die Risikoaversion des jeweiligen Anlegers bestellt ist. Aus statistischen Untersuchungen geht eindeutig hervor, dass es kein bestimmtes Niveau gibt (10, 15, 20 oder 30 Prozent), welches einen langfristigen Gewinnsteigerungseffekt für das Depot erzielt. Es existiert keine optimale Schwelle.

Zum Zeitpunkt eines ausgelösten Limits findet man also folgende Situation vor: Verluste wurden realisiert, das Geld steht Cash, Transaktionsgebühren für den Verkauf sind angefallen. Reagiert man dann nicht unmittelbar (dies würde das gesamte Prinzip auch irgendwie ad absurdum führen), trägt man das Risiko verpasster Renditen für die Zukunft, muss die Aktie irgendwie ersetzen und ist nicht schlauer als zuvor.

Offene Fragen bleiben: Sollte man versuchen, dieselbe Aktie nochmals zu kaufen, am besten billiger? Sollte man eine Aktie aus demselben Sektor kaufen oder eine komplett andere? Sollte man generell erstmal abwarten, bis sich die Volatilität wieder abgemildert hat? So oder so: Eine Garantie, dass sich die nächste ausgewählte Aktie besser entwickelt, gibt es natürlich nicht.

Verkäufe bei Rücksetzern - Verluste sind realisiert, und Banken kassieren Gebühr

Stop-Loss lenkt zudem Ihre Aufmerksamkeit von fundamentalen Faktoren ab und kann Verkäufe in einer Korrekturphase erzwingen, obwohl der laufende Bullenmarkt weiterhin intakt ist. Ein denkbar schlechter Zeitpunkt für einen Verkauf! Stop-Loss macht es vordergründig scheinbar möglich, das Abwärtsrisiko eines Portfolios spielend im Griff zu behalten, ohne genau hinschauen zu müssen. Die einzige Sicherheit besteht allerdings darin, erhöhte Transaktionskosten zu haben. Ist der restliche Prozess vom Zufall diktiert, reichen diese Kosten schon aus, um den Anleger zu einem langfristigen Verlierer zu machen.

Warum ist die Strategie dann so "beliebt"? Die Grundidee, Verluste zu begrenzen, verkauft sicheinfach viel zu gut. Banken verdienen bei hohen Handelsumsätzen mit und haben sicherlich nichts dagegen, wenn unzählige Anleger andauernd ihr Depot umwälzen.

Fazit

Der Börsenkurs der Woche - vom Profi
Kurse, Indexstände, Aufs und Abs - an der Börse passiert täglich Neues, Besonderes und Überraschendes. An dieser Stelle präsentiert und erklärt jeden Freitag ein Finanzmarktprofi sein Börsen-Highlight der Woche.

Kaum eine Strategie ist so beliebt wie "Verluste zu begrenzen". Stop-Loss hört sich einfach zu verlockend an. So verlockend, dass kaum jemand wirklich nachrechnet. Es existieren keine Studien und Analysen, die eine Wirksamkeit bzw. eine überlegene Rendite von Stop-Loss nachweisen. Trotzdem hält sich dieser Mythos beständig und hartnäckig.

Beteiligen Sie sich nicht an diesen vermeintlichen und unsinnigen "Verlustbegrenzungen". In der Praxis führt diese Strategie lediglich zu höheren Transaktionskosten, immer wieder zu Steuerabflüssen in Ihrem Depot und zu verpassten Gewinnen durch schlechtes Timing. "Verkaufe tief und steige höher wieder ein" ist sehr oft das üble Resultat in der Praxis.

Vermeiden Sie diese hohen Opportunitätskosten! Es gibt wesentlich bessere Grundlagen für strategische Investmententscheidungen. Isolierte Kursbewegungen und bestimmte prozentuale Veränderungen als "Handelssignale" zu nutzen, ist alles andere als sinnvoll und nicht angeraten. Legen Sie Ihr Augenmerk viel mehr auf fundamentale Faktoren, die nachweislich einen echten Mehrwert bieten!

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