Mittwoch, 26. September 2018

Münzen und Scheine im Norden auf dem Rückzug Bargeld-Abschaffung - warum Schweden plötzlich nervös wird

Schwedischer Kronen-Schein

Schweden brüstet sich gern als Vorzeige-Land beim bargeldlosen Bezahlen. Im ganzen Königreich verweigert eine wachsende Zahl von Geschäften und Restaurants die Annahme von Scheinen und Münzen. Verbraucher zahlen zunehmend mit Kreditkarten, Internet oder Mobiltelefon, Banken verzichten oft auf die traditionelle Kasse.

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Doch nun wachsen Zweifel, ob die rasante Entwicklung wirklich segensreich für das Land ist. "Wenn die Bargeld-Menge weiterhin so schnell schrumpft, wird es schwierig, die Infrastruktur aufrecht zu erhalten", sagte Ökonom Mats Dillen gegenüber der Nachrichtenagentur Bloomberg. Dillen ist Vorsitzender einer Kommission, die die Wirkung des Scheine-Schwunds untersucht.

Bargeld-Bestand in Schweden (zum Vergrößern bitte auf die Grafik klicken)

Zum Problem könnte offenbar werden, dass vor allem viele ältere Menschen mit Internet und Mobiltelefonen noch nicht ausreichend vertraut sind und weiterhin mit "echtem Geld" bezahlen wollen. Je mehr Geschäfte und Banken dieses nicht mehr ermöglichen, desto größer wird die Chance, dass Menschen sich nicht mehr komfortabel versorgen können.

Dillen sprich von einer "Negativspirale", die genauer untersucht werden müsste. Im vergangenen Jahr lag die Bargeld-Menge bereits 40 Prozent niedriger als 2007, als sie einen Höhepunkt erreicht hatte. Laut Bloomberg nutzen nur noch 25 Prozent der Schweden einmal oder mehrmals in der Woche überhaupt Bargeld.

Die schwedische Reichsbank erwägt derweil bereits, Banken dazu zu verpflichten, Bargeld vorzuhalten. Die aktuelle Entwicklung berge große Unsicherheiten.

In Deutschland halten die Verbraucher dagegen dem Bargeld weiter die Treue. Es ist weiterhin Gang und Gäbe, dass Geschäfte oder Restaurants ausschließlich Münzen und Scheine akzeptieren.

Gemessen an der Zahl der Einkäufe griffen Konsumenten im vergangenen Jahr noch bei 74 Prozent ihrer Geschäfte auf Scheine und Münzen zurück, hat die Bundesbank ermittelt. 2014 waren es 79 Prozent. "Die Liebe der Deutschen zum Bargeld ist ungebrochen", sagte Bundesbank-Vorstand Carl-Ludwig Thiele.

Dieses Festhalten an alten Gewohnheiten lässt auch manches Unternehmen verzweifeln. So führte die Mitfahr-Plattform Blablacar jüngst die Bargeldzahlung wieder ein, nachdem es sie vor zwei Jahren abgeschafft hatte.

Deutschland habe eine starke Bargeld-Kultur, sagte Deutschlandchef Jaime Rodriguez de Santiago. "Und die Hälfte unserer Fahrer erklärte, dass sie es vorziehen würden, in bar bezahlt zu werden."

mit dpa und rtr

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