Donnerstag, 21. September 2017

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Künstliche Intelligenz an der Börse Rendite 0,0 - wie Computer die Finanzwelt ruinieren

Wie ging noch gleich der Algorithmus? Ein (verzweifelter) Anleger an der Börse in China

Eine Nachricht aus dieser Woche kann nachdenklich stimmen: Computergesteuerte Investitionen sind am Aktienmarkt immer weiter auf dem Vormarsch, erstmals haben sie an der US-Börse den größten Anteil an den professionellen Geldanlagen.

Das heißt: Mehr und mehr Finanzhäuser vertrauen nicht mehr auf die vermutete Expertise menschlicher Investmentmanager. Stattdessen heuern sie Mathematiker und Informatiker an und lassen sie ausgefeilte Computerprogramme für die Geldanlage schreiben.

Die Frage ist nur: Wohin führt das alles?

Angenommen, die Entwicklung geht weiter wie bisher. Dann werden früher oder später alle Investmenthäuser weltweit zum großen Teil nach Vorgaben agieren, die ihnen von Computern gemacht werden. Diese Computer wiederum werden natürlich in den kommenden Jahren immer weiter optimiert, ebenso, wie selbstverständlich auch die Algorithmen, mit denen die Rechner arbeiten, immer ausgefeilter werden.

Das Ende vom Lied: Irgendwann besitzt jede Investmentfirma der Welt das perfekte Computerprogramm, das unter Einbeziehung schlicht und ergreifend ALLER Informationen, die weltweit überhaupt nur irgendwie verfügbar sind, die einzig wahren und richtigen Investmententscheidungen ausspuckt.

Spätestens an der Stelle wird klar, dass die Sache irgendwie einen Haken hat: Ein Handel kann auf einem Markt bekanntlich nur zustande kommen, wenn mindestens zwei Parteien unterschiedliche Meinungen zum Wert eines Gutes haben. An der Börse heißt das zum Beispiel: Die Aktie des Dax-Wertes Volkswagen wird nur den Besitzer wechseln, wenn Investor A sie für recht teuer hält und verkauft, während Investor B sie beim gleichen Kurs für günstig hält und zugreift.

Dumm nur, dass in unserem Szenario am Ende nicht nur jeder Computer alles über jede Aktie weiß, sondern dass die Rechner dieses Wissen auch noch stets auf die denkbar beste Weise in Kauf- und Verkaufsentscheidungen ummünzen werden. Das wiederum hat eine unausweichliche Folge: Irgendwann werden alle Computer auf der Welt zu jedem Wertpapier stets die exakt gleiche Meinung haben. Nämlich die einzig richtige.

Am Ende: Totaler Stillstand

Einmal vorausgesetzt, dass alle Überlegungen, die wir bis hierher angestellt haben, absolut vernünftig und realistisch sind, lässt sich daran anknüpfend schon heute ein recht genaues Bild davon zeichnen, wie es an den Finanzmärkten in vielleicht nicht einmal allzu ferner Zukunft aussehen wird: Wir haben eine Vielzahl von Investmenthäusern, die, jedes für sich genommen, nicht mehr allzu viel Bürofläche benötigen werden. Ein kleines Zimmer für eine Handvoll superkluger Informatiker vielleicht, und einen großzügigen, gut gekühlten Serverraum natürlich - vielmehr braucht es kaum.

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Jeden Freitag eröffnen Autoren aus der Print- und Onlineredaktion von manager magazin einen anderen Blickwinkel auf das Wirtschaftsgeschehen: Weniger kursrelevant, aber am Ende des Tages umso unterhaltsamer.

Dank der von diesen Investmenthäusern betriebenen Hochleistungsrechner mit ihren intelligenten Superinvestmentprogrammen werden wir zudem täglich, nein stündlich, ach was: minütlich allein im deutschen Leitindex Dax mehr Kauf- und Verkaufsorders haben als es Atome im Universum gibt.

Alle diese Orders werden allerdings eines gemeinsam haben: In Bezug auf jeweils ein Wertpapier - nehmen wir wieder die Dax-Aktie Volkswagen - und zu einem bestimmten Zeitpunkt werden sie alle samt und sonders exakt gleich lauten. Sprich: Alle Marktteilnehmer werden Volkswagen entweder gleichzeitig kaufen oder gleichzeitig verkaufen wollen. Schließlich wurden ihre Entscheidungen ja alle von exakt gleichstarken Computerprogrammen auf Grundlage exakt der gleichen Informationen berechnet.

Die Konsequenz ist klar: Totaler Stillstand. Es wird in Zukunft trotz oder gerade wegen des Einsatzes der geballten Macht von zigtausend Computern und riesiger Mengen an hochspezieller Software - keine einzige Aktie mehr gehandelt.

Was das wiederum für die Renditeaussichten bedeutet, liegt ebenfalls auf der Hand: Sie werden ziemlich mau sein, um es einmal vorsichtig zu formulieren. Oder deutlicher gesagt: Wenn das mit den Computern so weitergeht wie bisher, dann wird es am Aktienmarkt künftig schlicht und einfach überhaupt keine Rendite mehr geben.

Christoph Rottwilm auf Twitter

Vielleicht sollten die Finanzhäuser also ihre Entscheidung zum Ausbau der Computer-Investments noch einmal überdenken. Menschlichen Portfoliomanagern wird zwar schon seit geraumer Zeit vorgeworfen, dass sie für ihr Geld nicht ausreichend Performance abliefern. Angesichts der düsteren Aussichten, die das Computerzeitalter für Investoren mit sich bringt, erscheinen die Leistungen der Geldanleger aus Fleisch und Blut aber doch gleich in einem ganz anderen Licht.

Oder anders ausgedrückt: Eine miese Rendite, erzielt von einem unfähigen Fondsmanager, der aber ein fürstliches Gehalt einstreicht, ist doch immer noch besser als gar keine Rendite.

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