Sonntag, 30. April 2017

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Trotz Energiewende Kohlekraftwerke - die Kursraketen an der Börse

Kraftwerksbetreiber RWE: Von Aktionärsschützern zum Kapitalvernichter gekürt - doch derzeit zählen Betreiber konventioneller Kraftwerke wie RWE und Uniper zu den größten Kursgewinnern im Dax

Deutschland setzt auf erneuerbare Energien. Die größten Kursgewinne im Dax verbuchen aber Konzerne wie RWE und Uniper, die auf konventionelle Kraftwerke setzen. Warum das "Altlastgeschäft" das "Zukunftsgeschäft" derzeit überrundet.

Energiewende paradox: Die Entscheidung der Bundesregierung, aus der Atomenergie auszusteigen, den Anteil von Kohle und Gas am Energiemix zurückzufahren und künftig immer stärker auf erneuerbare Energien zu setzen, hat die beiden im Dax notierten Energieriesen RWE Börsen-Chart zeigen und Eon in die tiefste Krise ihrer Geschichte gestürzt. RWE verlor zwischen 2008 und 2016 fast 90 Prozent seines Börsenwertes, Eon erging es nicht viel besser.

In höchster Not entschieden sich RWE-Chef Peter Terium und Eon-Chef Johannes Teyssen dazu, ihre Konzerne jeweils aufzuspalten und das Zukunftsgeschäft von den Altlasten zu lösen: Bei RWE wurde das Zukunftsgeschäft mit erneuerbaren Energien und Stromnetzen in die Ökostromtochter "Innogy" gepackt. Eon dagegen bündelte seine Altlasten in der neuen Kraftwerkstochter "Uniper", um sich künftig unter der alten Marke Eon ganz auf das Zukunftsgeschäft mit den Erneuerbaren zu konzentrieren.

Die beiden Chefs, klar, wechselten natürlich ins Zukunftsgeschäft, also zu Eon/neu (Teyssen) und zu Innogy (Terium).

RWE plus 30, Uniper plus 50 Prozent - Börsianer wetten auf alte Energien

Und was machen die Investoren an der Börse? Sie jagen die Aktien von RWE und Uniper, die als Resterampen eigentlich das Energiegeschäft von gestern betreiben, auf immer neue Höhen. Die Aktie von RWE hat seit Jahresbeginn mehr als 30 Prozent zugelegt und ist im laufenden Börsenjahr das Papier mit den größten Kursgewinnen im Dax 30.

Die Eon-Kraftwerkstochter Uniper war am Tag der Abspaltung im September 2016 für einen Tag im Dax notiert und für rund 10 Euro pro Aktie zu haben. Seitdem hat das Papier mehr als 50 Prozent zugelegt, noch deutlich mehr als Dax-Spitzenreiter RWE. Die neuen Ökostromunternehmen Eon und Innogy bleiben hinter dieser Kursentwicklung weit zurück.

Dass Börsianer derzeit ausgerechnet auf die konventionellen Kraftwerksbetreiber mit fossilen Energiequellen setzen, obwohl deren Anteil am Strommarkt künftig fallen wird, hat mehrere Gründe. Viele Anleger setzen auf eine Erholung nach tiefem Sturz: Während Dax-Aktien wie Siemens oder Adidas bereits auf neuen Rekordhochs notieren, wird dem tief gefallenen RWE-Konzern noch ein Aufholpotenzial unterstellt. "Das Leben bei RWE geht trotz des Atomausstiegs weiter", schreibt zum Beispiel die US-Investmentbank Goldman Sachs in einer Analyse.

Konzerne können sich von Altlasten freikaufen

Die Hoffnung auf eine weitere Erholung stützt sich außerdem auf eine Vereinbarung mit der Bundesregierung, nach der sich die Atomkraftwerk-Betreiber von ihren Altlasten freikaufen können. Zwar müssen RWE, Eon und Co dafür rund 23 Milliarden Euro in einen Fonds einzahlen, werden dafür aber von den Risiken und Kosten des strahlenden Atommülls befreit. Das trägt dann der Steuerzahler. Das kostet die Atomkonzerne zwar noch einige Milliarden, die Risiken werden aber wieder kalkulierbar.

Um diese Kosten zu stemmen, bedient sich RWE ausgerechnet seiner Ökostrom-Tochter Innogy. Der Kraftwerksbetreiber RWE ist noch mit 77 Prozent an Innogy beteiligt und damit der größte Nutznießer einer üppigen Innogy-Dividende: 70 bis 80 Prozent des bereinigten Nettogewinns will Innogy jährlich an seine Anteilseigner (also vor allem an RWE) ausschütten, hat der neue Ökostrom-CEO Peter Terium versprochen.

Geldsegen von der Ökostromtochter

Bei rund 1,1 Milliarden Euro Gewinn von Innogy dürften in diesem Jahr rund 800 Millionen Euro Dividende an RWE fließen. Die üppigen Ausschüttungen sowie der Wert der Innogy-Anteile überwiege die Schulden von RWE, schreibt Goldman Sachs. Auch die Analysten von Oddo Seydler und Independent Research (IR) sind sich einig, dass die Cashcow Innogy in den kommenden Jahren noch viel Geld in die Kassen von RWE spülen und damit finanziell entlasten werde. Ein Verkauf von Innogy-Anteilen sei mittelfristig unwahrscheinlich, so IR. Wahrscheinlich sei laut Oddo Seydler dagegen, dass RWE sich weiter stabilisiere und in den kommenden Jahren seine Dividende erhöhen könne. Derzeit liegt die Dividendenrendite von RWE bei 3,5 Prozent.

Weiterhin wetten viele Börsianer auf steigende Strompreise, wenn in den kommenden Jahren weitere Atom- und Kohlekraftwerke in Deutschland vom Netz genommen werden. Davon würden auch die konventionellen Kraftwerksbetreiber profitieren. Einige Analysten sehen für die Aktie von RWE, die allein im Monat März um rund 10 Prozent gestiegen ist, ein Kurspotenzial von weiteren 10 Prozent.

"Hoch spekulativ"

Analysten von JP Morgan dämpfen dagegen die aktuelle Euphorie um RWE. Das Potenzial für künftig höhere Dividendenzahlungen sei sehr begrenzt, da den Konzern weiterhin hohe Pensionslasten für die rund 40.000 Mitarbeiter sowie die Rückstellungen für die Kernkraftwerke belasten. Der operative Cash Flow werde deutlich zurückgehen, je mehr Atom- und Kohlekraftwerke abgeschaltet werden.

Nach Ansicht der Societe Generale bleibt die RWE-Aktie nach der fulminanten Kursrally ein "hochspekulativer" Wert: Die Abhängigkeit von den Innogy-Dividenden bleibe hoch, und RWE Börsen-Chart zeigen müsse mit seinem Fokus auf konventionelle Kraftwerke erst noch nachweisen, dass sein Geschäftsmodell eine Zukunft habe. Die Hoffnung auf steigende Strompreise allein reiche nicht aus, um RWE eine rosige Zukunft zu versprechen.

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