Sonntag, 20. Mai 2018

Anlageprofi Robert Halver sorgt sich Denk ich an GroKo in der Nacht, bin ich um den Schlaf gebracht

Weißer Rauch über Berlin: Deutschland bekommt wieder eine richtige Regierung, die GroKo 2.0 unter Angela Merkel. Schon die letzte GroKo war allerdings zwar groß, wirtschaftlich aber nicht artig.

Theoretisch könnte eine Große Koalition wirtschaftspolitisch viel Gutes tun. Wenn allerdings bereits die letzte numerisch wirklich große GroKo praktisch wenig erreicht hat, was will man dann erst einer Kleinen Großen Koalition zutrauen?

Robert Halver
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    Robert Halver ist Leiter der Kapitalmarkt-analyse der Baader Bank AG und bekannt durch regelmäßige Medienauftritte und als Kolumnist. Mit Wertpapieranalyse beschäftigt er sich seit über 20 Jahren.

Tatsächlich ist die Versuchung für die neue Berliner Regierung groß, die aktuelle konjunkturelle Sonnenseite als willkommenes Alibi für einen fortgesetzten Reformmüßiggang zu missbrauchen. Bloß keinen Reformstress in der GroKo 2.0 riskieren, die noch weniger Liebesbeziehung sein wird als die GroKo 1.0. Man ist ja gezwungen, sich zusammenzutun, um das unkalkulierbare Wagnis Neuwahlen zu umgehen.

Da liegt es nahe, sich auf den kleinsten gemeinsamen Nenner zu einigen. Wie in einer guten Vernunftsehe wird Geld der Friedensstifter sein. Immerhin ist der Finanzspielraum zum Verteilen groß. Mit mindestens 45 Milliarden Euro werden alle Beziehungsprobleme gelöst. So eine Politik erinnert an Eltern, die ihre schwierige Tochter oder ihren problematischen Sohn mit einer gehörigen Mitgift dennoch unter die Haube bringen wollen.

"Die Welt wartet nicht auf Deutschland ..."

…So hieß es in der Neujahrsansprache der Kanzlerin. Wie wahr! Es geht um unsere wirtschaftliche Zukunft in einer immer wettbewerbsstärkeren Welt. Nichts ist vergänglicher als der Erfolg der deutschen Industrie von gestern. Deutschland ist nicht automatisch eine Insel der konjunkturellen Glückseligkeit. Dazu brauchen wir massive Reformen, um unseren Wirtschaftsstandort auf Weltklasseniveau zu halten. Doch hat das Ausland in puncto Bildung, Infrastruktur, Steuersenkungen, Bürokratieabbau und vor allem Digitalisierung längst die Standort-Nase vorn.

So prescht Amerika mit seinen "virtuellen" Firmenaushängeschildern davon und senkt auch noch die Steuern. Und in China regieren längst "digitalisierte Kommunisten". Selbst Frankreich öffnet die bislang fest verschlossenen sozialistischen Fenster und lässt frischen marktwirtschaftlichen Wind rein. Aufgrund unseres hohen Wohlstandsniveaus hat kein Industrieland so viel Fallhöhe wie Deutschland.

GRAFIK Börsenkurse der Woche / KW 3/2018 / Steuersätze
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Daher darf Deutschland nicht nur verwaltet und moderiert, sondern muss gestaltet und regiert werden. Die Politik hat wie ein Eichhörnchen für den Winter vorzusorgen und darf nicht alle Nüsse in den guten Sommerzeiten auffuttern.

Im Gegensatz zu Unternehmen hängen Arbeitnehmer am Fliegenfänger der deutschen Wirtschaftspolitik

Grundsätzlich sind börsennotierte deutsche Unternehmen aufgrund ihrer globalen Ausrichtung immer weniger auf den nationalen Standort festgelegt. Sie sind weltweit da, wo die Renditen am höchsten sind. Dem Kapital ist Nationalbewusstsein ziemlich fremd. Und wenn diese Aktiengesellschaften dann dort erfolgreich Umsätze machen und Gewinne steigern, kommen deutsche Anleger in den Genuss von steigenden Kursen und Dividenden, ziemlich unabhängig von den Darbietungen der deutschen Politik.

Leider besitzen diese globale Mobilität nur die allerwenigsten deutschen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer. Sie müssen sich auf die deutsche Politik verlassen oder sind verlassen. Daher hat die GroKo die verdammte Pflicht, wirtschaftspolitische Reformen zügig anzugehen. Diese mögen zwar zunächst wehtun, sind aber notwendig, damit Sozialleistungen auch noch morgen auf Grundlage einer stark wertschöpfenden Wirtschaft zu bezahlen sind. Die Alternativfinanzierung über Steuererhöhungen muss unbedingt unterbleiben. Noch mehr fiskalische Enteignung führt zu Abwanderung und damit weniger Wirtschaftswachstum. Ohnehin ist die bei den GroKo-Sondierungen geführte Steuererhöhungsdebatte mit Blick auf die rekordhohen Steuereinnahmen an wirtschaftspolitischer Perversion nicht mehr zu überbieten.

GroKo-Politiker dürfen sich nicht als Direktoren eines deutschen Industriemuseums empfehlen

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Kurse, Indexstände, Aufs und Abs - an der Börse passiert täglich Neues, Besonderes und Überraschendes. An dieser Stelle präsentiert und erklärt jeden Freitag ein Finanzmarktprofi sein Börsen-Highlight der Woche.

Unternehmen sollten Deutschland möglichst wenig mit Amerika oder Asien fremdgehen müssen. Sie sollen hier investieren und für Arbeitsplätze sorgen. Erst dann macht der großkoalitionär kombinierte Wahlslogan von Union und SPD der Bundestagswahl 2017 Sinn: Für soziale Gerechtigkeit in einem Deutschland, in dem wir gut und gerne leben.

Alternativ werden Entlassungen in Deutschland wie bei Siemens Börsen-Chart zeigen oder Thyssenkrupp Börsen-Chart zeigen nur der Beginn einer fatalen Entwicklung sein. Dabei kann die Wirtschaftspolitik der betriebswirtschaftlichen Seite - wo sicher auch keine Fehlerfreiheit herrscht - nicht einfach den schwarzen Peter zuschieben. Der Wirtschafts-Fisch stinkt vom Berliner Regierungs-Kopf her.

Süßeste politische Überkorrektheit, Selbstzufriedenheit, Innovationsalarm und das grenzenlose Verlassen auf das zinsdrückende Sonderkonjunkturprogramm der EZB wirken auf den Wirtschaftsstandort Deutschland wie ungefilterte Abgase auf die Luftqualität.

Wird die GroKo 2.0 den wirtschaftlichen Ernst erkennen? Die Hoffnung stirbt zuletzt!

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