Donnerstag, 20. September 2018

Anlageprofi Robert Halver erklärt ... Die Wahrheit über die plötzliche Zinsangst am Finanzmarkt

Neuer US-Notenbank-Chef Jerome Powell: Zinserhöhungen werden die Blase am Rentenmarkt nicht platzen lassen - und die Aktienkurse nicht fallen lassen.

Die grundsätzliche Seelenverwandtschaft von Zinspapieren und Aktien konnte seit 2008 mustergültig beobachtet werden: Massiv steigende Anleihekurse bei damit schwachen Zinsen - die anlagestrategisch fast schon an Körperverletzung grenzen - haben Aktien einen "alternativlosen" Bullenmarkt beschert. Die Anlageblase bei Zinsvermögen hat beispiellos die am Aktienmarkt aufgebläht. Also gute gemeinsame Zeiten.

Robert Halver
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    Robert Halver ist Leiter der Kapitalmarkt-analyse der Baader Bank AG und bekannt durch regelmäßige Medienauftritte und als Kolumnist. Mit Wertpapieranalyse beschäftigt er sich seit über 20 Jahren.

Doch verlieren die Anleger offenbar den Glauben an die Rentenhausse. Eigentlich kein Wunder: Die Weltkonjunktur läuft so robust wie seit sieben Jahren nicht mehr, die Schwellenländer haben sich eindeutig erholt, US-Präsident Donald Trump hat mit seiner Steuerreform den Turbo in der US-Wirtschaft und beim Lohnwachstum gezündet und selbst im lange krisengeschwächten Europa kann man nicht mehr vor dem Wirtschaftswachstum fliehen. Ist da eine scharfe Inflation nicht nur noch eine Frage der Zeit, die sich in höheren Risikoaufschlägen bei Zinsen niederschlägt?

Bekommt die Rentenblase einen Platten, geht auch dem Aktienmarkt die Luft aus

Der Konsens scheint tatsächlich zu sein, dass der amerikanische Anleihemarkt vom Bullen- in den Bärenmarkt wechselt und aufgrund seiner Leithammelfunktion ebenso die Zinsstimmung in Europa kippt. Überhaupt, wir haben es am Rentenmarkt mit einer Aufwärtsbewegung seit 1981 zu tun, die längste in der Finanzgeschichte. Hat nicht alles irgendwann einmal ein Ende?

Wenn ja, dann kommen die schlechten gemeinsamen Zeiten von Renten und Aktien. Würde die Rentenblase mit der Folge deutlich steigender Zinsen kräftig entbläht, erlebten die Überbewertungen am Aktienmarkt das gleiche Schicksal wie ein alternder Boxer: Der letzte Kampf war einer zu viel. Teurere Kreditzinsen würden der Wirtschaft und damit den Unternehmensgewinnen fundamental zusetzen.

Doch wie berechtigt ist eine Zinswende?

Der im zweiten Halbjahr 2017 zu beobachtende Preisschub bei Öl ist bereits wieder abgeflaut. Und Inflationsdruck durch Lohnsteigerungen wird durch einen international scharfen Standortwettbewerb und zunehmende Digitalisierung nachhaltig gehemmt. Wir haben es mit einem inflationsarmen Wirtschaftsaufschwung zu tun. Insofern ist eine markante Inflationsprämie auf Zinsen nicht gerechtfertigt.

Die US-Notenbank sorgt sich sogar davor, dass aus etwas Inflation jetzt schnell wieder ein bisschen Deflation später werden kann. Dabei spielt auch die Psychologie der amerikanischen Aktienstimmung eine Rolle. Wenn Aktien aufgrund von steigenden Zinsen fallen, kann ein Vermögensverlust wie 2008/2009 über abkühlende Verbraucherstimmung auch deflationäre Kollateralschäden hervorrufen.

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Deflationierende Erschütterungen seitens einer restriktiven Geldpolitik will man unbedingt vermeiden. Früher wurde Inflation von Notenbanken noch bekämpft, heute wird sie herbeigesehnt wie die Oase von der Karawane.

Und dann gibt es da noch das Systemrisiko

Die US-Notenbank ist sich sehr bewusst, dass am Rentenmarkt die größte Anlageblase der Welt besteht. Sie kann kein Interesse an übertriebenen Zinserhöhungen oder massiven Liquiditätsabzügen haben, die weltweit zu Platzangst in den Rentenblasen und schließlich zu einer finalen Schuldenkrise führten, wogegen die letzte ein Kindergeburtstag gewesen wäre. Wie soll die Finanzierung der Gesamtweltverschuldung von etwa 250 Billionen US-Dollar mit höheren Kreditzinsen ohne Steuererhöhungen und ohne Sozialkürzungen gestemmt werden? Jeder (Geld-)Politiker ist doch dankbar für die wiedererlangte Finanzstabilität und die EZB für das nach Euro-Krise wieder erreichte Niveau an (sozial-)politischer Stabilität. Die internationalen Notenbanken haben nicht zehn Jahre lang das Weltfinanzgebäude stabilisiert, um es dann im 11. Jahr mit dicken Zinserhöhungs-Hintern einzureißen.

Zur großen Zinswende kommt es nicht

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Allerdings wird die herumgeisternde Zinsangst wie Kaugummi an den Anleger-Schuhen kleben. Damit werden sich stärkere Kursschwankungen nicht nur bei Zinspapieren, sondern - aufgrund ihres besonderen Verhältnisses zueinander - auch bei Aktien zeigen. Die lange Zeit geltende Aktienanomalie von unbegrenzten Kurschancen einerseits bei einem an Sparbücher erinnernden Null-Risiko andererseits läuft aus.

Jedoch sollten Anleger zunehmende Volatilität nicht per se als Feind, sondern eher als Freund betrachten. Ihr kann man mit regelmäßigen monatlichen Aktiensparplänen gut begegnen. Denn wenn Kurse zwischenzeitlich fallen, erhält man bei gleichbleibendem Anlagebetrag mehr Aktienanteil. Bei wieder steigenden Kursen macht sich das kaufmännische Motto "Im Einkauf liegt der Gewinn" sehr positiv im Depot und in der Altersvorsorge bemerkbar.

Entscheidend ist aber: Die Rentenblase platzt nicht und damit nicht die am Aktienmarkt, schon wegen der guten Beziehung.

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