Mittwoch, 22. August 2018

Nach Kurssturz und Dax-Abstieg Staatsanwalt knöpft sich ProSieben-Leerverkäufer vor

Der TV-Konzern sei ein "Kartenhaus", schrieb das Analysehaus Viceroy Research Anfang März in einer langen Analyse über ProSiebenSat.1 Börsen-Chart zeigen in Anspielung auf die US-Fernsehserie "House of Cards". Die Aktie sei nur ein Viertel des aktuellen Kurses wert, ProSieben brauche angesichts seiner Probleme eine Kapitalerhöhung oder müsse die Dividende streichen.

Kaum war die Studie heraus, brach die Aktie des TV-Konzerns ein. ProSiebenSat.1, das ohnehin ein Abstiegskandidat war, musste am 19. März den Dax verlassen und wurde von Covestro ersetzt. Was viele Anleger nicht wussten: Die Firma wettete zugleich mit Leerverkäufen auf einen Kursverfall des Papiers. Nun steht der Gründer des Analysehauses offiziell unter dem Verdacht der Kursmanipulation von ProSiebenSat.1-Aktien.

Die Staatsanwaltschaft München ermittle gegen insgesamt 15 Einzelpersonen und Gruppen in verschiedenen Ländern, sagte eine Sprecherin der Behörde am Freitag. Darunter sei auch der Gründer von Viceroy Research, Fraser Perring.

Die Nachrichtenagentur Reuters hatte bereits im März berichtet, dass die Finanzmarktaufsicht Bafin und die Münchner Strafverfolger dem Verdacht der Manipulation zum Schaden des Fernsehkonzerns und seiner Anleger nachgehen.

Die Aktie des TV-Konzerns stürzte am 6. März, dem Tag der Veröffentlichung, um rund 8 Prozent ab. ProSiebenSat.1 wies die Kritik zurück behielt sich juristische Schritte vor. "Wir begrüßen, dass die Bafin Anzeige bei der Staatsanwaltschaft eingereicht hat", sagte eine Sprecherin am Freitag.

In dem formell eingeleiteten Ermittlungsverfahren spiele die Beteiligung von Viceroy eine prominente Rolle, erklärte die Staatsanwaltschaft. Im Fokus stünden die Personen hinter Viceroy und deren Geschäftsgebaren sowie die Verflechtung mit weiteren Personen.

Viceroy hatte in der Studie vor allem das Modell von ProSiebenSat.1 ins Visier genommen, jungen Unternehmen kostenlose TV-Werbezeiten einzuräumen, sie damit hochzupäppeln und sich im Gegenzug an ihnen zu beteiligen. Der Studie zufolge hätte ProSiebenSat.1 den Gewinn damit um mehr als 200 Millionen Euro aufgebläht. Massive Abschreibungen drohten, warnte Viceroy.

Viceroy hatte sich im März mit Blick auf die Studie auf die Meinungsfreiheit berufen. Viceroy-Gründer Perring argumentierte zugleich, ein Leerverkauf ("short sale") sei nicht weniger legitim als eine klassische Spekulation auf steigende Kurse ("long sale"). Die Firmenbezeichnung Viceroy verweist auf den Titel des britischen Statthalters und Vizekönigs von Indien in der Kolonialzeit.

rei/Reuters

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