Freitag, 26. August 2016

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Die Börse nach Paris "Meist ein Fehler, wenn man mit Verkäufen reagiert"

Händler an der Börse in Paris: Die Terroranschläge haben auch die Aktienkurse bewegt

Die Terroranschläge von Paris haben die Welt erschüttert - aber die Börse reagierte am Montagmorgen kaum darauf. Thomas Grüner, Chef des Vermögensverwalters Grüner Fisher, über die aktuellen Chancen und Risiken am Aktienmarkt.

manager-magazin.de: Herr Grüner, die Börse hat heute Morgen beinahe unbekümmert auf die Anschläge von Paris reagiert. Nach anfänglichen Verlusten notierte der Dax schon nach wenigen Minuten wieder im Plus. Wie erklären Sie sich das?

Grüner: Das folgt dem Lerneffekt aus der Vergangenheit. Märkte verarbeiten solche Dinge gnadenlos rational und nehmen auf Emotionen keine große Rücksicht. Die größeren Anschläge im Westen begannen mit dem 11. September 2001 in den USA. Schon damals hat es nur 13 Handelstage gedauert, bis etwa der US-Index S&P 500 wieder da war, wo er vorher war. Danach ging es aufwärts. So war selbst jemand, der am 10. September US-Aktien gekauft hat, am Jahresende im Plus. Der S&P 500 etwa notierte Ende 2001 gegenüber dem 10. September mit gut 7 Prozent im grünen Bereich. Der Nasdaq 100 sogar mit 27 Prozent. Auch der Dax verzeichnete in der Spanne Gewinne von 14 Prozent. Das heißt, derartige Terroranschläge sind zwar ein großes emotionales Ereignis, in den tatsächlichen Zahlen hinterlassen sie aber kaum Spuren. Bei den großen Anschlägen von London und Madrid waren die Reaktionen noch moderater.

mm.de: Ist die Börse also sorglos?

Zur Person
Gaby Gerster
Thomas Grüner ist geschäftsführender Gesellschafter des Investmenthauses Grüner Fisher. Das Unternehmen ist Mitglied im Verband unabhängiger Vermögensverwalter.
Grüner: Sie ist nicht sorglos, sondern sie ist erwachsener geworden. Märkte lernen ständig dazu. Wenn Sie sich die Multi-Billionen-Dollar-Weltwirtschaft anschauen, dann ist der wirtschaftliche Einfluss solcher Anschläge eben einfach verschwindend gering.

mm.de: So reagiert der Markt völlig rational.

Grüner: Börsen sind Informations-Verarbeitungsmaschinen, die alle Nachrichten und Ereignisse sofort in die Kurse diskontieren. Die Anschläge sind am Freitagabend passiert, nach Börsenschluss in den USA. So lag das Wochenende dazwischen, an dem die Dinge auch emotional bereits verarbeitet werden konnten. Und ganz so glimpflich war die Reaktion dann ja doch nicht. Der Dax-Future lag zeitweise knapp unter 10.500 Punkten, also bis zu 2 Prozent im Minus. Der Index hat sich aber zum Handelsstart am Montag schnell wieder erholt.

mm.de: Könnte eine weitere Eskalation auf politischer Ebene Auswirkungen auf die Börse haben? Im Gespräch ist beispielsweise, dass der Nato-Bündnisfall ausgerufen werden könnte, was es bisher nur einmal, eben nach dem 11. September 2001, gegeben hat.

Grüner: Ob der Bündnisfall ausgerufen wird oder nicht, macht keinen großen Unterschied. Das ist eher eine technische Frage. Im Grunde besteht der Bündnisfall ja schon, die westliche Allianz bombardiert bereits oder organisiert gemeinsam die Logistik.

mm.de: Deutschland beispielsweise wäre in dem Falle aber durchaus stärker in der Pflicht als bisher.

Grüner: Aber ob wir 100 Soldaten schicken oder nicht, ändert an der Börsensituation nichts. Das ist lediglich eine theoretische Eskalation, keine praktische.

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