Freitag, 21. Juli 2017

Börsenprofi Carsten Klude zeigt Zinspolitik - was Fed und EZB demnächst tun werden

Fed-Chefin Yellen: Wer hat Recht - die Notenbanker oder der Markt?

Nachdem in den USA die Notenbank schon zum vierten Mal die Zinsen erhöht hat, werden in Europa Stimmen laut, die dies auch von der EZB fordern. Vor allem die mittlerweile stabilere Konjunktur in Europa könnte die Möglichkeit eröffnen, einen gesichtswahrenden Ausstieg aus dem Anleihekaufprogramm einzuleiten. Die jüngsten Äußerungen von EZB-Präsident Mario Draghi, der in einem Interview die gute Wirtschaftsentwicklung stärker betonte und zugleich die niedrige Inflation als temporär herunterredete, sind der erste Hinweis auf eine ab dem Jahr 2018 bevorstehende vorsichtige Anpassung der Geldpolitik. Eine signifikante Abkehr von der sehr expansiven Geldpolitik der bleibt jedoch ein frommer Wunsch. Die diametral entgegengesetzte Geldpolitik in beiden Wirtschaftsräumen wird sich fortsetzen.

manager magazin online

Die Rahmenbedingungen für die beiden Zentralbanken könnten kaum unterschiedlicher sein: Während die schon im Dezember 2015 eine vorsichtige Zinswende eingeläutet und seitdem den Leitzins in vier Schritten von jeweils 25 Basispunkten erhöht hat, wurde die Geldpolitik der EZB in diesem Zeitraum immer expansiver. Zwar haben sich die wirtschaftlichen Perspektiven im Euroraum in letzter Zeit aufgehellt, doch halten Mario Draghi und seine Kollegen dennoch einen weiteren "sehr substanziellen" geldpolitischen Stimulus für notwendig, um das Inflationsziel der Notenbank auch nur annähernd zu erreichen.

Draghis jüngste Äußerungen sind daher vor allem als eine vorsichtige Einleitung in den Ausstieg aus dem Anleihekaufprogramm zu verstehen. Dieser Schritt ist schon allein deshalb notwendig, weil das Material der ausstehenden Anleihen immer knapper wird. Selbst für eine reduzierte Fortsetzung des Anleihekaufprogramms in das Jahr 2018 hinein ist eine Anpassung der von der EZB selbst auferlegten Kaufkriterien notwendig. Der negative Einlagenzins oder gar der Hauptrefinanzierungssatz werden jedoch erst dann angehoben, wenn die Anleihekäufe ausgelaufen sind, das machte Draghi deutlich. Selbst wenn Draghi mit seinem Interview eine geldpolitische Wende angedeutet hat, wird dieser sehr langsam vonstatten gehen. Zinserhöhungen zeichnen sich frühestens für 2019 ab. Zudem könnte sich angesichts der sehr niedrigen Inflation nicht erfüllen. Von daher ist davon auszugehen, dass die Zinsen im Euroraum sehr niedrig bleiben werden.

Carsten Klude
  • Copyright:
    Carsten Klude ist Chefvolkswirt der Privatbank M. M. Warburg in Hamburg.

Anders dagegen in den USA. Nachdem die US-Notenbank im Dezember 2015, im Dezember 2016 und zuletzt im März 2017 den Leitzins um jeweils 25 Basispunkte angehoben hatte, entschied das Federal Open Market Committee (FOMC) am 14. Juni, die Fed Funds Rate ein weiteres Mal auf nun 1,00 bis 1,25 Prozent zu erhöhen. Zwar wurde dieser Zinsschritt allgemein erwartet, allerdings nahm in den vergangenen Wochen die Skepsis der Marktteilnehmer zu, ob die Notenbank bei ihrem Plan bleiben würde, den Leitzins in diesem Jahr dann noch ein weiteres Mal zu erhöhen. Denn ähnlich wie in der Eurozone ist auch in den USA die Inflationsrate zuletzt wieder unter die Marke von 2 Prozent gesunken.

Die Federal Reserve hat jedoch deutlich zum Ausdruck gebracht, dass weitere Zinserhöhungen - eine in diesem und drei im nächsten Jahr - folgen dürften. Die unterschiedliche Geldpolitik dies- und jenseits des Atlantiks ist vor allem darauf zurückzuführen, dass beide Notenbanken unterschiedliche Mandate verfolgen. So ist es das vorrangige Ziel der EZB, Preisstabilität zu gewährleisten, also eine Inflationsrate von unter, aber nahe 2 Prozent zu erreichen. Den Prognosen der EZB zur Folge wird dieses Ziel weder 2017 (1,5 Prozent), noch 2018 (1,3 Prozent) oder 2019 (1,6 Prozent) erreicht. Von daher lässt sich auch kein zwingender und unmittelbarer Handlungsbedarf für die Geldpolitik ableiten. Die in diesen Tagen anstehenden neuen Inflationsdaten aus der Eurozone dürften dies unterstreichen.

Angesichts der in den vergangenen drei Monaten sehr niedrigen Preissteigerungsraten hat die US-Notenbank ihre Inflationsprognose für dieses Jahr von 1,9 auf 1,6 Prozent nach unten revidiert. Ist damit dieselbe Schlussfolgerung wie für die EZB gerechtfertigt, nämlich die Geldpolitik unverändert beizubehalten?

Nein, und dies aus zwei Gründen. Zum einen hat die Fed ihre Inflationsprognosen für die Jahre 2018 und 2019 unverändert bei 2,0 Prozent belassen. Zum anderen hat die US-Notenbank nicht das alleinige Ziel, Preisniveaustabilität zu gewährleisten, sondern ihr Mandat umfasst zusätzlich die Aufgaben, ein Maximum an Beschäftigung und "moderate" langfristige Zinsen sicherzustellen. Vor allem die Aufnahme des Arbeitsmarktes in die Reaktionsfunktion der Fed ist entscheidend für die im Vergleich zur EZB abweichenden Geldpolitik - und die Erwartung einer weiteren Anhebung um 25 Basispunkte im Laufe des zweiten Halbjahres.

Seite 1 von 2
Nachrichtenticker

© manager magazin 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der manager magazin Verlagsgesellschaft mbH