Samstag, 30. Juli 2016

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Verkehrte Finanzwelt, genervte Verbraucher Wenn sich der Minuszins in die Gesellschaft frisst

Schuhe kaufen als Lösung: Mit niedrigen Zinsen wollen Zentralbanken unter anderem den Konsum anregen

Um die Wirtschaft zu beleben, treiben EZB und andere Notenbanken die Zinsen zunehmend in den negativen Bereich. Doch das hat auch Nachteile - für die Volkswirtschaft sowie für jeden einzelnen Verbraucher.

Eigentlich ist es ganz einfach: Wer sein Geld bei der Bank deponiert, bekommt dafür Zinsen. Und wer sich welches leiht, muss Zinsen zahlen. Diese Grundregel galt im Wirtschaftsleben seit jeher - bis jetzt.

Seit einiger Zeit kehren sich die Vorzeichen um: Guthabenzinsen werden negativ und Kreditzinsen mitunter positiv. Das heißt im Klartext: Wer sein Geld bei der Bank deponiert, bekommt plötzlich keine Zinsen mehr, er muss welche zahlen. Und wer sich auf der anderen Seite Geld von der Bank leiht, braucht keine Zinsen mehr zu zahlen - er bekommt sie seinerseits von der Bank gutgeschrieben.

Das klingt vielleicht verrückt, aber es ist zum Teil schon Realität. Und die Entwicklung, die da im Gange ist, dürfte Experten zufolge noch deutlich weitergehen.

Einen Negativzins auf Einlagen haben bereits die Notenbanken von Dänemark, Schweden, der Schweiz, Japan und der Eurozone eingerichtet. Für letztere senkte die Europäische Zentralbank (EZB) den Zins für Banken, die Geld bei ihr parken wollen, bereits im September 2014 auf minus 0,3 Prozent.

Das Ziel dieser Maßnahme ist klar: Die Zentralbanken wollen mit aller Macht erreichen, dass Geld in Umlauf kommt, für Konsum und Investitionen. So soll die vielerorts schwächelnde Wirtschaft wieder in Schwung gebracht werden. Oder - Beispiel Dänemark oder die Schweiz - die Zentralbanken versuchen, sich vor einer Flut von Kapital zu schützen, das ihnen auf der Suche nach einem sicheren Hafen in unruhigen Zeiten zuströmt.

Dänische Hauskäufer bekommen Kredite mit Minuszins

Die stimulierenden Effekte der extremen Niedrigzinspolitik bleiben zumindest in der Eurozone bislang jedoch weitgehend aus. Und das, obwohl sich die Negativzinsen immer weiter an den Finanzmärkten ausbreiten. Zum Beispiel im Bankgeschäft, wo die bislang wohl kurioseste Nachricht zu dem Thema aus Dänemark kam: Dort hat die Nordea Bank tatsächlich bereits einige Kredite für Immobilienfinanzierungen mit negativem Zinssatz ausgereicht.

Das war vermutlich vorerst eine Ausnahme und ein Grund zur Freude für die Nordea-Kunden obendrein. Doch längst nicht überall sorgt der Minuszins für Frohlocken. Schon im Oktober 2014 etwa machte die Meldung die Runde, dass mit der thüringischen Skatbank das erste Geldinstitut hierzulande einen Negativzins für besonders hohe Geldeinlagen forderte. Wer mehr als 500.000 Euro als Tagesgeld bei der Bank anlegen wollte, zahlte fortan drauf. Inzwischen haben bundesweit weitere Institute nachgezogen, und die Sorge geht um , dass der Negativzins irgendwann auch den Kleinsparer erreichen könnte.

Damit aber noch nicht genug: Die Zinsen zahlreicher Staatsanleihen auch aus Deutschland befinden sich mittlerweile ebenfalls im roten Bereich. Selbst vor den Bonds großer Konzerne macht der Trend nicht Halt: Die Rendite einer Anleihe des Nahrungsmittelriesen Nestlé Börsen-Chart zeigen etwa rutschte schon vor über einem Jahr erstmals unter null.

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