Mittwoch, 31. August 2016

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Zu viel Nieselregen Londoner Wetter stoppt die Laser-Börse

Seid dankbar: In London regnet es fast jeden zweiten Tag, wenn auch selten viel

Breitbandkabel sind längst nicht mehr schnell genug für den Hochfrequenzhandel an der Börse. In Nordamerika werden Finanzdaten per Laserstrahl verschickt. Europas Finanzzentrum London kann bei der Tempojagd nicht mitmachen. Der Regen wirkt stärker als Regeln der Aufsichtsbehörden.

Hamburg - Ein Soziologe analysiert den Finanzmarkt und landet beim Wetter. Nein, nein, kein Witz. Donald MacKenzie von der Universität Edinburgh arbeitet kenntnisreich wie kaum ein zweiter die Anatomie der Börseninfrastruktur im Zeichen des modernen Hochfrequenzhandels auf. Sein Beitrag für die kommende Ausgabe der "London Review of Books" trägt die Überschrift "Seid dankbar für den Nieselregen".

Denn mancher finde wohl verstörend, was derzeit am Himmel über dem US-Staat New Jersey stattfindet: Zwischen den Datenzentren, die dafür sorgen, dass Aufträge der Wall Street bewegt werden, schießen zunehmend Finanzinformationen per Laserstrahl (infrarot, also nicht sichtbar) hin und her. Das ist deutlich schneller, wenn auch weniger sicher in der Datenübertragung, als die guten, alten Glasfaserkabel.

Die von High-Speed-Kritiker Michael Lewis beschriebenen "Flash Boys" nutzen also tatsächlich Lichtblitze, um die entscheidenden Nanosekunden schneller zu sein als die Konkurrenz. Die Ära, als sie ihre Vorteile in Millimetern Kabellänge zwischen Handelscomputer und Datenzentrum maßen, scheint schon wieder vorüber.

Doch Europas wichtigstes Finanzzentrum London sei laseruntauglich, schreibt MacKenzie. Die starken Lichtstrahlen kämen mit dem Wetter nicht zurecht. London bekommt zwar nur rund 750 Millimeter Niederschlag im Jahr ab - deutlich weniger als Chicago, New York, Tokio oder gar Hongkong und nur wenig mehr als Frankfurt am Main -, aber verteilt auf deutlich mehr Regentage und mit einer höheren Luftfeuchtigkeit. MacKenzies Recherchen zufolge sind besonders die im Durchschnitt kleineren Regentropfen tückisch für Laser.

Die wahren Finanzzentren heißen Mahwah, Weehawken oder Slough

Das heißt jedoch nicht, dass die City bei Glasfasergeschwindigkeit stehen bleibt. Dort kommen Millimeterwellen zum Einsatz, während Frankfurt noch durch die etwas bandbreitenschwächeren Mikrowellen angeschlossen ist, deren Kapazität zwischen New York und Chicago längst ausgereizt ist. Die Millimeterwellen kommen gut durch den Nieselregen, während sie bei (in London seltenen) richtigen Unwettern ausfallen.

Dass so profane lokale Wetterereignisse (oder auch Haie im Fall von Unterseekabeln) der High-Tech-Welt der modernen Börsen zusetzen, ist nicht die einzige interessante Erkenntnis von MacKenzies Artikel. Um die moralischen und ökonomischen Fragen, die Lewis aufwirft, kümmert er sich wenig. Dafür seziert er die Funktionsweise der Maschinenräume des Marktes sehr genau.

So ist zu lesen, dass die neue Technik keineswegs abstrakt und virtuell ist, dass sie die Märkte alles andere als globaler und dezentraler macht. Die Handelssäle mit ihrem berühmten Parkett mögen irrelevant geworden sein, aber Nähe zu den wenigen Zentren, die an die leistungsfähigsten Achsen der teuren Infrastruktur angeschlossen sind, ist wichtiger denn je.

Orte wie Mahwah, Carteret, Weehawken oder Secaucus in New Jersey, Aurora in Illinois oder triste Londoner Vorstädte wie Basildon und Slough müssen wir uns als Knoten im finanziellen Netz merken - auf ein paar Kilometer mehr kommt es offenbar doch nicht so sehr an, wenn sich im Vergleich zu Lower Manhattan oder der Londoner City Miete sparen und Platz gewinnen lässt.

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