Freitag, 17. August 2018

US-Aktien - das Ende der Illusionen Was wirklich hinter dem Kursrutsch in den USA steckt

Flash Crash an der Wall Street: Viele US-Konzerne werden durch Trumps Steuerreform nicht besser - nur billiger

Der ehemalige Bundeskanzler Helmut Schmidt hat in der Vielzahl seiner richtigen Analysen einen besonders treffenden Satz gesagt: "Wer Visionen hat, der soll zum Arzt gehen." Diese Empfehlung möchte man vielen Aktienanlegern geben, die sich nach den jüngsten Kursverlusten rund um den Globus verwundert die Augen reiben.

Markus Schön
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    Markus Schön ist Geschäftsführer der DVAM Vermögensverwaltung GmbH. Das Unternehmen beschäftigt sich mit der individuellen Vermögensverwaltung und dem strategischen Finanzmanagement auf überwiegend langfristiger, makroökonomischer Basis. Aktuell hat Markus Schön ein Buch über die Wirtschaftspolitik Donalds Trumps "Twittern zur Planwirtschaft" geschrieben.

Haben wir nicht rundherum solide Konjunkturdaten? Hat US-Präsident Donald Trump nicht gerade kräftig die Unternehmenssteuern gesenkt? Und ist das nicht quasi eine Garantie für immer weiter steigende Unternehmensgewinne? Nun, wenn dem so wäre, dann wären australische Unternehmen durchgängig die teuersten Konzerne der Welt.

Tatsächlich muss man sich im internationalen Wettbewerb immer wieder neu messen und nicht nur über ein aktuell, sondern auch über ein zukünftig gefragtes Geschäftsmodell verfügen.

Doch dieser wichtige Blick auf fundamentale Daten wurde durch die Illusion eines immer weitergehenden Aufschwungs in den Hintergrund gedrängt. Tatsächlich ist das Geschäftsjahr 2017 bei vielen Unternehmen deutlich schwächer ausgefallen als erwartet, wenn man sich die Mühe macht, in die Details der jeweiligen Geschäftszahlen einzusteigen.

US-Unternehmen sind deutlich überbewertet

Gleichzeitig sind die Ausblicke für das laufende Jahr bei vielen Unternehmen ziemlich verhalten. In Wahrheit trägt die US-Steuerreform nämlich nicht zur Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit der dortigen Unternehmen bei. Viele US-Konzerne werden eben nicht besser, wenn sie die unverhofften Steuervorteile an ihre Kunden weitergeben - nur billiger.

Und wenn die US-Unternehmen die Steuervorteile an ihre Mitarbeiter weitergeben, was Präsident Trump im schweizerischen Davos als Folge seiner Steuersenkung bejubelte, dann ist das zwar gut für jeden einzelnen, der davon profitiert, und stärkt möglicherweise auch den Konsum. Aber zu einer nachhaltigen Verbesserung der Unternehmensgewinne führt es nicht.

Deren kurzfristige Steigerung ist auf dem aktuellen Kursniveau insbesondere der US-Aktien längst eingepreist. Wenn sich dieser Gewinnzuwachs nicht auf Dauer fortsetzt, sind die meisten US-Konzerne deutlich überbewertet.

Dann wird ein solches System sehr schnell fragil.

Schon minimale Verschlechterungen der Rahmenbedingungen können in einer solchen Situation sehr schnell sehr negative Auswirkungen haben. Eine solche Verschlechterung der Rahmenbedingungen scheint der deutliche Zinsanstieg in den USA zu sein. Und der hatte überraschenderweise nichts unmittelbar mit einer geänderten Notenbankpolitik zu tun.

So hatte die kürzlich ausgeschiedene US-Notenbankchefin Janet Yellen bei ihrem letzten Zinsentscheid darauf verzichtet, den US-Leitzins auf ein Niveau von 1,75 Prozent anzuheben, was sicherlich angemessen gewesen wäre. Doch diese Zurückhaltung hat die Märkte nicht beruhigt, sondern zu einem Anstieg der Renditen von 10 Jahre laufenden US-Staatsanleihen Richtung 3 Prozent geführt.

Fehlende Kursfantasie, sinkende Dividendenrenditen

So kommt es, dass einige US-Unternehmen aus dem marktbreiten Aktienindex S&P 500 für lang laufende Refinanzierungen schon wieder 4 Prozent Zinsen jährlich bieten müssen. Wenn dann genau dieselben Unternehmen nur 2 Prozent Dividendenrendite bieten, überlegen sich viele Anleger, ob sie das niedrig bezahlte Aktienrisiko nicht besser gegen eine gut bezahlte relative Sicherheit tauschen.

Schließlich ist eine Anleihe eines Unternehmens immer sicherer als die entsprechende Aktie. Aktien bleiben unternehmerische Beteiligungen, während Anleihen eine Kreditvergabe sind und damit selbst im Insolvenzfalle immer vor den Aktien bedient würden.

Wenn dann noch durch die hohen Bewertungen jede weitere Kursphantasie fehlt und die steigenden Refinanzierungskosten das Risiko rückläufiger Dividendenrenditen erhöhen, wird aus einer vermeintlichen Blase am Anleihemarkt sehr schnell ein Aktienbeben.

So löst sich dann manchmal eine Vision im Faktencheck auf, ohne dass ärztlicher Rat erforderlich ist. Insofern ist das eingangs erwähnte Zitat Helmut Schmidts an den zunehmend globalisierten Kapitalmärkten nicht immer uneingeschränkt richtig. Aber stets sehr hilfreich.

Markus Schön ist Geschäftsführer des DVAM Vermögensverwaltung GmbH und Mitglied der MeinungsMachervon manager-magazin.de. Trotzdem gibt diese Kolumne nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion des manager magazins wieder.

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