Sonntag, 18. Februar 2018

Börsenprofi Thomas Grüner erklärt Korrektur oder Bärenmärkt? Die Antwort lautet ...

Bulle gegen Bär: Wer behält an der Börse diesmal die Oberhand?

Das Börsenjahr 2018 hat Anlegern bereits in der frühen Phase einige turbulente Tage beschert. In diversen Leitindizes ist ein Rückgang von rund 10 Prozent zum vorangegangenen Hochpunkt zu vermelden. Nachdem 2017 praktisch korrekturfrei abgelaufen ist, kehrt mit der gesteigerten Volatilität auch die Skepsis zahlreicher Anleger unmittelbar zurück. Korrektur oder Bärenmarkt? Um diese entscheidende Frage sinnvoll zu beantworten, ist es wichtig, sich die strukturellen Unterschiede dieser beiden Marktphasen genau vor Augen zu halten.

Korrekturen: Kurz und schmerzhaft

Thomas Grüner
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    Thomas Grüner ist Gründer und Chief Investment Officer des Vermögens- verwalters Grüner Fisher Investments (www.gruener-fisher.de) mit Sitz in Rodenbach bei Kaiserslautern.

Korrekturen treten unverhofft auf, führen zu kurzfristig heftigen Abwärtsbewegungen und sind ebenso schnell wieder vorbei, wie sie eingetreten sind. Typischerweise ist in dieser Marktphase ein Kursrückgang zwischen 10 und 20 Prozent zum vorangegangenen Hoch zu beobachten. In der Regel fällt die Erholungsbewegung ebenso dynamisch aus und rückt die vorangegangenen Hochpunkte wieder in greifbare Nähe.

Korrekturen können aus jedem denkbaren Grund auftauchen, manchmal ist in der Rückschau auch überhaupt kein triftiger Grund erkennbar. Umso geringer die zeitliche Dauer und die Höhe der Kursrückgänge, desto schneller gerät eine Korrektur wieder in Vergessenheit. Sie finden in einem intakten Bullenmarkt statt und verlieren somit im langfristigen Bild an Bedeutung. In der Rückschau interessieren sich Anleger immer nur für das "große Ganze". Lässt man den laufenden Bullenmarkt seit 2009 nochmals Revue passieren, ziehen sich große Korrekturen (wie 2011 und 2015/16) und kleinere Korrekturen wie ein roter Faden durch die Historie.

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Ken Fisher nennt den Markt gerne den "großen Erniedriger". Er verscheucht immer wieder Anleger, bevor die nächste Aufwärtsphase beginnt. In großen und kleinen Korrekturen gelingt dies besonders gut. Auf der anderen Seite sind Korrekturen in gewissem Sinne auch nützlich. Sie fangen euphorische Tendenzen in der Marktstimmung immer wieder ein, sie bewahren Aktienmärkte vor einer schnellen Überhitzung und verlängern somit die "Lebensdauer" des gesamten Bullenmarkts.

Das exakte Timing für diese plötzlich auftretenden Stimmungsschwankungen ist unmöglich, weshalb die Geduld der Anleger immer wieder auf harte Proben gestellt wird. Korrekturen auszuhalten und in kritischen Phasen diszipliniert zu bleiben - das ist in gewissem Sinne der Preis, den man bezahlen muss, um in den Genuss langfristig hervorragender Renditen am Aktienmarkt zu kommen.

Bärenmärkte: Gute Tarnung, späte Verzweiflung

Bärenmärkte kündigen sich im Gegensatz zu Korrekturen nicht mit einem großen Knall an. Sie starten üblicherweise mit einem bedächtigen Tempo und entfalten sich nur stufenweise. In der Anfangsphase werden Anleger durch die moderaten Abwärtsbewegungen eingelullt und zur Nachlässigkeit verleitet - sie treten in der Regel in einem sehr optimistischen bis euphorischen Umfeld auf und gaukeln den Anlegern über Monate hinweg "erstklassige Einstiegschancen" vor. Die meisten Anleger fokussieren sich dabei nur auf die Preisbewegungen, weniger auf fundamentale, in die Zukunft gerichtete Indikatoren. Der durchschnittliche monatliche Rückgang in einem Bärenmarkt liegt gerade einmal zwischen 2 und 3 Prozent. Erst gegen Ende setzt die große Eskalation bezüglich des Kursverfalls ein, der im gesamten Abwärtszyklus minus 20 Prozent weit übersteigen kann.

Durch die flache Startphase ist es nicht zwingend notwendig, den ersten Tag eines Bärenmarkts mit einer exakten Punktlandung zu timen. Oftmals kann sich der Markt über Monate hinweg einigermaßen halten und ermöglicht zahlreiche "gute" Ausstiegsmöglichkeiten. Investoren erhalten ein gesundes Zeitfenster, um tief Luft zu holen und die fundamentalen Rahmenbedingungen genau zu erörtern. Selbst der empfindliche Bärenmarkt von 2007 bis 2009, der vielen Anlegern vor allem wegen seines gnadenlosen Kurs-Massakers für immer in Erinnerung bleiben wird, war durch eine moderate Einstiegsphase geprägt: Im Herbst 2007 kippten Aktienmärkte zuerst langsam nach unten, bevor im März 2008 der Kursverfall durch die Schieflage von Bear Stearns erstmals an Dynamik gewann.

Im Anschluss konnten die Aktienmärkte einige dieser Verluste wieder wettmachen, bevor die rapide Talfahrt im Herbst 2008 begann. Große Abstürze an einzelnen Handelstagen traten erst ab dem September 2008 auf.

Bärenmärkte beginnen in der Regel auf zwei Arten. Entweder wird der vorangegangene Bullenmarkt durch einen Keulenschlag aus der Bahn geworfen - beispielsweise durch einen Weltkrieg oder katastrophale Regulierungsvorschriften - oder der Bullenmarkt hat die komplette "Mauer der Angst" erklommen und die Erwartungshaltung ist der Realität längst enteilt.

2018: Korrektur ja, Bärenmarkt eher nein

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Mit dieser klaren Differenzierung zwischen Korrekturen und Bärenmärkten wird deutlich: Alle Anzeichen der steilen Abwärtsbewegung in den letzten Tagen sprechen für eine klassische Korrektur, die rein von der Marktstimmung getrieben ist. Die Ursachenforschung dauert noch an und wird eventuell kein rationales Ergebnis liefern können. Entscheidend ist, dass die fundamental robuste Datenlage weiterhin intakt bleibt.

Gegen einen Bärenmarkt spricht aktuell, dass Anleger von einer euphorischen Marktstimmung nach wie vor meilenweit entfernt sind und das aktuelle "Gefahrenpotential" für einen wahrhaftigen Keulenschlag viel zu gering ist. Das politische Patt in vielen Ländern verhindert einschneidende Regulierungsmaßnahmen, das langsame Tempo der Notenbanken lässt keinen Raum für fatale Fehlentscheidungen. Im reifen Bullenmarkt wird es noch zahlreiche Situationen geben, in denen der berühmte "kühle Kopf" entscheidend für den nachhaltigen Anlageerfolg sein wird.

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