Freitag, 19. Oktober 2018

Börsenprofi Carsten Mumm erklärt Wie Berlin die Wirtschaft jetzt voranbringen sollte

Die Politik muss dafür sorgen, dass auch spätere Generationen eine kräftige Wirtschaft vorfinden

Die Vorzeichen für die Weltkonjunktur sind aufgrund der Zugkraft des asiatischen Raumes und der steuerinduzierten Belebung der US-amerikanischen Wirtschaft weiterhin sehr positiv. Der Internationale Währungsfonds (IWF) erhöhte im April seine Prognose für das globale BIP-Wachstum für 2018 und 2019 auf jeweils 3,9 Prozent. Die Staaten der Europäischen Union konnten in 2017 um 2,5 Prozent zulegen und erreichten damit das höchste Niveau seit der Weltwirtschaftskrise 2008/2009. Im laufenden Jahr wird ein ähnlich hohes Wachstum erwartet.

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    Carsten Mumm, Chefvolkswirt und Leiter der Kapital-marktanalyse bei der Privatbank Donner & Reuschel.

Allerdings bestehen gerade für die Entwicklung in Europa derzeit auch größere Risiken. Potentielle Störfeuer sind vor allem die anhaltende Protektionismus-Debatte verbunden mit der Möglichkeit einer Eskalation des Handelsstreits zwischen den USA und China sowie die im Zuge des Nahostkonfliktes stark gestiegenen Energiepreise. Zuletzt kam die Ankündigung der Wiederaufnahme von US-Wirtschaftssanktionen gegenüber dem Iran hinzu. Alle Maßnahmen treffen vor allem die stark von Warenexporten und Energieimporten abhängige deutsche Ökonomie und mit leichten Abstrichen auch die europäischen Volkswirtschaften.

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Tatsächlich hat die konjunkturelle Dynamik Deutschlands in den letzten Monaten bereits leicht nachgegeben. Sowohl der Anstieg der Auftragseingänge für die deutsche Industrie, das Plus bei der Entwicklung der Exporte und die Zunahme der Industrieproduktion fielen schwächer aus als erwartet. Am meisten Beachtung aber fand der Ifo-Geschäftsklimaindex. Der fünfte Rückgang in Folge wird von Vielen als Zeichen einer weiteren konjunkturellen Abkühlung angesehen.

Im historischen Vergleich befindet sich der Ifo-Index allerdings nach wie vor auf einem hohen Niveau, nachdem er bis November 2017 sogar noch auf Rekordwerten notierte. Ausgehend von einer extrem positiven Beurteilung der aktuellen Lage sind abnehmende Erwartungen für die zukünftige Entwicklung kaum verwunderlich. Zudem sank zuletzt auch das Ifo-Beschäftigungsbarometer und deutete an, dass die befragten Unternehmen weniger Einstellungen planen. Der Hintergrund ist allerdings weniger eine nachlassende Nachfrage nach Arbeitskräften als vielmehr ein teilweise nicht mehr vorhandenes Angebot an besonders gefragten Fachkräften. Die Bundesbank berichtete in ihrem jüngsten Monatsbericht, dass in Deutschland aktuell auf 1000 Arbeitslose 600 freie Stellen kommen - ein Rekordwert.

Die gestiegene Nachfrage nach deutschen Exportprodukten aufgrund der brummenden Weltkonjunktur hat nicht nur den Arbeitsmarkt teilweise leergefegt, sondern auch die Kapazitätsauslastung der deutschen Industrieunternehmen auf vergleichsweise hohe Niveaus von über 87 Prozent getrieben. Diese Werte wurden zuletzt 2007 erreicht.

Es spricht somit derzeit vieles dafür, dass die deutsche Konjunktur eine leichte Abkühlung von einem zuvor nahezu überhitzten Status erlebt. Mit Sicherheit wird auch das protektionistische Säbelrasseln der vergangenen Monate dazu beigetragen haben, dass der ein oder andere Unternehmer eine geplante Investition verschoben oder sogar einen bereits erteilten Auftrag storniert hat. Die Befürchtung der Eskalation eines globalen Handelskriegs drückt auf die allgemeine Stimmungslage von Entscheidern in den Unternehmen und hinterlässt so erste Bremsspuren in der Konjunktur.

Für das laufende Jahr rechnen wir trotzdem mit einem BIP-Wachstum Deutschlands auf dem Niveau des Vorjahres in Höhe von gut 2 Prozent. Getragen wird die Konjunktur neben dem Export durch kapazitätserweiternde Ausrüstungsinvestitionen und eine anhaltend hohe Bautätigkeit. Aber auch der steigende Konsum der privaten Haushalte trägt zum Wirtschaftswachstum bei.

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