Sonntag, 24. Juni 2018

Euro-Kurs und Börsen rauschen ab Italien in der Krise - Finanzmärkte in Aufruhr

Börse in Mailand: Der FTSE sackt um gut 2 Prozent ab
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Börse in Mailand: Der FTSE sackt um gut 2 Prozent ab

Droht Europa ein erneutes Aufflammen der Schuldenkrise? Das Misstrauen gegenüber der Politik in Italien jedenfalls ist groß, die Renditen auch portugiesischer Staatsbonds schnellen in die Höhe. Banken, die italienische Anleihen horten, verlieren am Markt ebenfalls an Vertrauen.

Die politischen Wirren in Italien schüren Ängste vor einem erneuten Aufflammen der Schuldenkrise in Europa. An den Finanzmärkten kam es am Dienstag zu starken Kurseinbrüchen, die teils an die der schweren Euro-Krise 2011/2012 erinnerten. Auch der Euro geriet unter Druck und fiel fast bis auf 1,15 US-Dollar. Die Europäische Zentralbank (EZB) warnte vor einer Eskalation der Lage.

Die Aktienbörsen in Italien und Spanien gerieten ins Taumeln. So sackte der Mailänder Leitindex FTSE MIB Börsen-Chart zeigen um bis zu 3,7 Prozent ab. Besonders heftig erwischt es Bankaktien wie Intesa Sanpaolo und Unicredit Börsen-Chart zeigen, die um rund 6 Prozent einbrachen. In Madrid ging es für den Ibex 35 um fast 3 Prozent runter. Auch der Dax konnte sich den Turbulenzen nicht entziehen und stand zuletzt 1,5 Prozent tiefer.

An den Staatsanleihemärkten Italiens und Portugals verschlechterte sich die Stimmung weiter. Italienische Staatstitel mit einer Laufzeit von zehn Jahren warfen erstmals seit 2014 mehr als 3 Prozent Rendite ab. Portugiesische Anleihen mit gleicher Laufzeit rentierten mit bis zu 2,4 Prozent - ein Hoch seit Herbst 2017. In Spanien stiegen die Renditen ebenfalls, wenngleich weniger stark. Zum Vergleich: Deutschland genießt an den Finanzmärkten viel mehr Vertrauen - der Bund kann sich schon für 0,31 Prozent Geld über zehnjährige Bundesanleihen besorgen.

Risikoaufschläge für italienische und portugiesische Anleihen steigen stark

"Wir sehen einige unglaubliche Preisbewegungen bei italienischen Anleihen", sagte Analyst Neil Wilson. "Der Markt bewegt sich mit einer Geschwindigkeit, die man seit den schwersten Zeiten der Euro-Krise nicht gesehen hat." Thomas Altmann vom Vermögensverwalter QC Partners sprach gar von "ersten Spuren von Panik", vor allem am Anleihenmarkt.

Die Entwicklung bei den Anleihen können gerade die Bilanzen der italienischen Banken belasten, die viele heimische Staatsbonds im Depot haben und ohnehin unter einem Berg fauler Wertpapiere ächzen. Auch Griechenland bekam die Turbulenzen zu spüren. Dort stürzte der Aktienmarkt um 2,5 Prozent ab. In Athen wird befürchtet, dass die Turbulenzen Griechenlands Wirtschaft in den Abgrund ziehen könnten.

Die Verunsicherung zeigt sich auch in einer Flucht der Anleger aus dem Euro Börsen-Chart zeigen. Der Kurs fiel am Dienstag auf den niedrigsten Stand seit Juli 2017. Am Mittag notierte die Gemeinschaftswährung zeitweise bei 1,1510 US-Dollar. Am Morgen hatte sie noch 1,1640 Dollar gekostet. Zuletzt erholte sich der Euro etwas. "Das Gespenst einer nächsten Euro-Krise macht die Runde", sagte Analyst Jochen Stanzl vom Online-Broker CMC Markets.

EZB-Vizepräsident warnt vor neuer Staatschuldenkrise

EZB-Vizepräsident Vitor Constâncio warnte Italien vor einer erneuten Staatsschuldenkrise. "Als 2012 Finanzmärkte das Land attackiert haben, hat das gezeigt: Sie können in ihrer Wahrnehmung sprunghaft sein und die Risikoeinschätzung für einen Schuldner abrupt und schnell ändern, manchmal mit gravierenden Folgen", sagte er dem Nachrichtenmagazin "Spiegel".

Ob die EZB Italien im Notfall vor der Pleite retten würde, ließ er offen. Jede Intervention müsse "der Erfüllung unseres Mandats dienen", erklärte Constâncio. Demnach ist die EZB allein für Geldpolitik zuständig und darf keine Finanzierung von Staaten leisten. "Italien kennt die Regeln", sagte der Vize der Notenbank. "Sie sollten diese vielleicht noch einmal genau lesen."

Italiens Notenbankchef Ignazio Visco schaltete sich am Dienstag mit einer Brandrede ins Geschehen ein und sagte, das Land sei "nur wenige kleine Schritte" von der schwerwiegenden Gefahr entfernt, Vertrauen zu verspielen.

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Nach der gescheiterten Regierungsbildung droht in Italien ein Zweikampf zwischen den beiden populistischen Kräften Fünf Sterne und Lega Nord sowie Staatspräsident Sergio Mattarella. Die Fünf Sterne streben ein Amtsenthebungsverfahren gegen den Präsidenten an, da er aus ihrer Sicht mit der Weigerung, den Euro-Kritiker Paolo Savona zum Finanzminister zu ernennen, gegen die Verfassung verstoßen habe.

Mattarella hat knapp drei Monate nach der Wahl den Wirtschaftsexperten Carlo Cottarelli mit der Bildung einer Übergangsregierung beauftragt. Diese wird jedoch von den Wahlsiegern 5-Sterne-Bewegung und Lega abgelehnt. Im Herbst oder spätestens Anfang 2019 soll es laut Cottarelli Neuwahlen geben.

Durch die drohenden Neuwahlen könnten die Lega und die 5-Sterne-Bewegung gestärkt werden, die sich zum Ziel gesetzt haben, die Ausgaben zu erhöhen, obwohl sich in Italien bereits ein staatlicher Schuldenberg von mehr als 130 Prozent der Wirtschaftleistung auftürmt.

mg/rei/dpa/rtr

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