Sonntag, 21. Oktober 2018

Börsenprofi Thomas Grüner erklärt Was der Regierungs-Flop in Italien für die Börse bedeutet

Parlamentsgebäude in Rom: Noch wartet Italien auf eine neue Regierung - mal wieder.

Die Ängste der letzten Jahre vor wachsendem Populismus in Europa und daraus bedingt ein Auseinanderbrechen der Eurozone sind mit der aktuellen politischen Lage in Italien zurückgekehrt. Erste Stimmen aus den italienischen Koalitionsparteien forderten auch sogleich deutliche Schuldenerlasse. Die Märkte waren verschreckt.

Fakten gehen vor Befürchtungen

Thomas Grüner
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    Thomas Grüner ist Gründer und Vice Chairman des Vermögensverwalters Grüner Fisher Investments (www.gruener-fisher.de) mit Sitz in Rodenbach bei Kaiserslautern.

Die Schlagzeilen, dass seit Bekanntwerden der politischen Nachrichten mehrere Milliarden an der italienischen Börse verbrannt wurden, sind in jedem Fachblatt zu lesen. Doch stimmt das überhaupt und welche Folgen hat die aktuelle Situation in Italien für die Welt, Europa, Italien selbst und die Märkte allgemein?

Was aktuell in Italien zu beobachten ist, entspricht politischem Gridlock - wunderbarem Stillstand - in seiner reinsten Form. Zwei Parteien, die sich eigentlich grundsätzlich nicht leiden können, wollten eine vor der Wahl nicht denkbare Koalition bilden. Dabei fiel ihnen auf, dass ihre Parteichefs sich so wenig vertrauen, dass mit Giuseppe Conte ein dritter, parteiunabhängiger Kandidat den Posten des Regierungschefs übernehmen müsste, um die Koalition überhaupt zustande kommen zu lassen. Ein Wochenende später: Die Regierungsbildung ist schon wieder gescheitert.

Ihre einzige wirkliche Übereinstimmung fanden die zwei Parteien sowieso nur im Populismus, der sie antreibt. Gemeinsame Feindbilder waren schnell ausgemacht: die EU mit ihrer bösen Schuldenpolitik und die Immigration. Eine EU-feindliche Stimmung wurde jedoch durch den großen Gegenpart, den Staatspräsidenten Sergio Mattarella, kritisch beäugt.

Dieser verfügt über die Möglichkeiten und den bereits geäußerten Willen, starke europakritische Veränderungen zu verhindern, da er, anders als in Deutschland der Bundespräsident, bei neuen Gesetzen und Regierungen nicht als reiner "Sekretär" auftritt. Gridlock-Herz, was willst du mehr?

Im Video: Conte wirft hin - Regierungsbildung in Rom gescheitert

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Bild: REUTERS

In Italien hat der schnelle Regierungswechsel Tradition

Die Tatsache, dass die vorgesehene Koalition aus der rechtspopulistischen Partei der Legia Nord und der thematisch abhängig sowohl links-, als auch rechtsgerichteten Partei der 5-Sterne Bewegung nun schon wieder gescheitert ist, verwundert nicht wirklich. Zusätzlich erschwerend wirkte, dass die nun mit der Regierungsbildung beauftragte Koalition nur eine dünne Mehrheit von 8 Stimmen hatte. Und das in einem Land, welches in den letzten 72 Jahren bereits die unglaubliche Zahl von 65 (!) Regierungen hatte.

Inhaltlich zeigte sich das Chaos schon, wenn man einzelne Themen betrachtet: Im Wahlkampf wollten beispielsweise noch beide Parteien aus dem Euro austreten, nun hat sich der Wahlgewinner der 5-Sterne Partei davon verabschiedet. Was blieb, war die gemeinsame Argumentation, dass es den Italienern vor dem Euro angeblich besser ging. Ein weiteres Beispiel ist die staatliche Finanzierung von Krisenunternehmen. Aktuell fallen Hilfen für das Stahlwerk Ilva, die Fluglinie Alitalia und die Bank Monte dei Paschi an. Die EU hat bereits verkündet, dass Italien sich aus allen drei Unternehmen zurückziehen soll, in allen drei Fällen war die Koalition zerstritten. Beispiele, welche gut für den notwendigen, folgenden Kompromisscharakter der neuen Regierung herhalten können, zu dem die Partner wohl jetzt nicht bereit waren.

Italienische Schulden im Fokus

Eine weitere Meldung, die sofort mit Bekanntwerden der Koalition wieder aufgewärmt wurde, ist die der nun wieder problematischeren Staatsfinanzierung Italiens. Tatsächlich muss in Italien aktuell mit 2,41 Prozent für 10-jährige Anleihen ein um 0,3 Prozentpunkte höherer Risikoaufschlag als vor einem Jahr für italienische Staatsanleihen bezahlt werden. Trotzdem erkennt man an diesem Marktzins oder beispielsweise auch an dem 1-jährigen in Höhe von -0,14 Prozent mit Sicherheit nicht ein eingepreistes Auseinanderbrechen der Eurozone.

Schon Mitte 2017 wiesen wir inmitten einer großen Schuldentragfähigkeitsdiskussion darauf hin, dass viele italienische, zu prolongierende Staatsanleihen noch höhere, als die aktuellen Zinssätze in sich trügen und somit auf Dauer die Zinslast noch deutlich sinken würde. Und auch diese Tatsache hat sich, unbeachtet von den wild geschürten Ängsten, nicht geändert. Schaut man sich nämlich das Schuldenportfolio Italiens im Detail an, so entdeckt man in den nächsten Jahren einige auslaufende Anleihen, die auf dem aktuellen Zinsniveau noch gar nicht angekommen sind.

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Auch die überall zu lesenden Schlagzeilen vernichteter Milliarden an der italienischen Börse sind viel zu populistisch und kurzfristig gedacht. Schaut man sich nämlich die Year-to-Date-Performance des MSCI Italien gegenüber dem MSCI World, beide in Euro gerechnet an, so zeigt sich, dass lediglich die Outperformance Italiens reduziert wurde und nicht wie verbildlicht, riesige Verluste entstanden sind (siehe Grafik).

Reformen werden tatsächlich erschwert

Ein echtes Problem existiert jedoch: Italien, in seiner aktuellen wirtschaftlichen Situation benötigt unbedingt eine reformwillige Regierung, welche bewusst und zügig die Probleme des Landes angeht. Es hilft Italien nicht, wenn die Tagespolitik aufgrund ihrer rein populistischen Züge zwar kein großes legislatives Risiko für Gesamteuropa oder die Welt darstellt, aber im selben Zug auch keine Fortschritte liefert. Populistische Parteien werden vor allem eines tun: Populistische Maßnahmen durchsetzen. Hierzu zählt beispielsweise eine Reduzierung des Rentenalters, striktere Migrationsregeln und Steuersenkungen.

Zwar stellt das für die Welt ein sehr geringes wirtschaftliches Risiko dar, für Italien selbst dafür umso mehr. Hier bleibt zu hoffen, dass Präsident Mattarella seine Macht, Gesetze als verfassungswidrig zu kennzeichnen auch einsetzen wird. Verfassungswidrig ist in Italien übrigens auch eine Erhöhung der Ausgaben ohne gleichzeitige Reduzierung an anderer Stelle.

Fazit

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Ein EU-Austritt Italiens ist schon alleine wegen der politischen Patt-Situation und dem gemäßigten, aber mächtigen Präsidenten Mattarella unwahrscheinlich. Dies wird sich auch durch mögliche Neuwahlen nicht ändern. Die beiden Koalitionspartner hatten innerparteilich schon extreme Hürden zu bewältigen. Kombiniert als Koalition wuchsen diese Hürden noch deutlich weiter an - die Basis für Stillstand. Legislativer Stillstand, kommt er denn an den Märkten an, steht zunächst einmal für Planungssicherheit. Das Risiko extremer politischer Entscheidungen sinkt, und das lieben die Märkte. Genau dieses Phänomen zeigt sich auch schon an der Year-to-Date-Outperformance der italienischen Börsen. Die aktuelle Gegenbewegung ist eigentlich nur Ausdruck der Tatsache, dass das "Worst-Case-Szenario" unter den möglichen Entwicklungen nach der Wahl eingetreten ist, auch wenn dieses weiterhin für einen legislativen Gridlock steht.

Nach einem ereignisreichen Wochenende zeigt der Weg nun in Richtung Neuwahlen. Es ist unwahrscheinlich, dass dann eine extreme Mehrheit für eine Partei oder politische Richtung entstehen wird. Italien wird uns weiterhin beschäftigen, sollte aber den laufenden Bullenmarkt nicht zu Fall bringen.

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