Sonntag, 24. Juli 2016

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Börse Was die Russland-Krise für den Dax bedeutet

Rubel, Ölpreis, Exporte: Was die Russland-Krise für den Dax bedeutet
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AP

Ölpreis-Verfall, Rubel-Sturzflug, Geldflut - trotz Russland-Krise hat sich der Dax rasch wieder erholt. Das Auf und Ab entspricht der Mischung aus Chancen und Risiken, die nun für Anleger entstehen: Ein Überblick.

Wer es noch nicht wusste, kann in diesen Tagen etwas dazu lernen: Am Finanzmarkt geht es nicht in erster Linie ums Geld, es geht um Vertrauen. Die russische Regierung pumpt Billionensummen ins System, inklusive einer Erhöhung des Leitzinses durch die Notenbank um nicht weniger als 6,5 Prozentpunkte. Doch den Sturzflug des Rubel konnte das Land bislang nicht aufhalten.

Ein politisches Signal aus Moskau dagegen könnte ein Weg sein, die Währungskrise zum gegenwärtigen Zeitpunkt zu beenden. Ein Entgegenkommen im Konflikt um die Ukraine etwa, das auf ein Ende der russischen Isolation hinauslaufen könnte. Das wäre womöglich Anlass für Investoren, wieder Vertrauen zu gewinnen - doch davon ist bislang nichts zu erkennen. Im Gegenteil: Erst am Donnerstag stimmte Russlands Präsident Wladimir Putin seine Landsleute auf eine längere Durststrecke ein, als er vor Journalisten sagte, die Krise könne durchaus noch zwei Jahre dauern.

Doch was genau bedeutet die Rubel-Krise aus Sicht der Anleger? Überwiegen die Risiken, oder vielleicht sogar die Chancen? Im Takt schlechter und guter Nachrichten ging es für den Dax Börsen-Chart zeigen in den vergangenen Handelstagen auf und ab, die Schwankungen sind enorm gestiegen. Im Fokus stehen vor allem diese fünf Punkte:

  • Das größte Risiko besteht in einem erneuten Staatsbankrott Russlands, dem sogenannten Default. Den gab es schon einmal Ende der 1990er Jahre, während der letzten großen Rubel-Krise.
    Kommt es dazu, so dürfte das globale Finanzsystem erheblich erschüttert werden. Ende der 90er beispielsweise brachte die Pleite Russlands den Hedgefonds LTCM derart ins Wanken, dass eine Rettungsaktion internationaler Banken notwendig wurde, inklusive einer milliardenschweren Rekapitalisierung des Fonds.
    Ebenso dürfte ein Zahlungsausfall Russlands auch die Investoren in weiteren Schwellenländern verschrecken. Schon jetzt ist eine erhöhte Risikoaversion dieser Anleger zu beobachten, die sich beispielsweise in erheblichen Turbulenzen der entsprechenden Schwellenländer-Indizes niederschlägt. Zudem ziehen Anleger in diesen Tagen verstärkt Gelder aus Emerging-Markets-Fonds ab, wie etwa die ETF-Spezialisten von der Commerzbank Börsen-Chart zeigen berichten. Schwellenland-Investments werden offenbar bereits verstärkt als riskant eingestuft. Die gute Nachricht lautet allerdings: Ein erneuter Staatsbankrott Russlands erscheint trotz allem eher unwahrscheinlich. Denn der russische Staat ist mit 12 Prozent der Wirtschaftsleistung kaum verschuldet. Und er kann immer noch auf gewaltige Devisenreserven von 420 Milliarden Dollar zurückgreifen.
  • Direkte Auswirkungen hat die Russland-Krise auf die Absätze deutscher Exportfirmen. Maschinenbauer und Autohersteller etwa sind an erster Stelle zu nennen. Aber auch Firmen wie der Sportartikelfabrikant Adidas Börsen-Chart zeigen sowie der Handelskonzern Metro Börsen-Chart zeigen werden in Mitleidenschaft gezogen. Nicht durch Zufall gehörten beide Aktien zuletzt eher zu den Verlierern in Dax Börsen-Chart zeigen und MDax Börsen-Chart zeigen. Gleichzeitig ist Russland einer der wichtigsten Rohstofflieferanten Deutschlands, wie eine Grafik zeigt.
  • Ebenso haben hiesige Banken Geld im Feuer. Insgesamt belief sich die Auslandschuld Russlands zuletzt auf 678 Milliarden Dollar - und angesichts des fallenden Rubel-Kurses wächst die Last aus russischer Sicht von Tag zu Tag. Größte Kreditgeber sind einer Statistik der BIZ zufolgefranzösische, italienische und US-amerikanische Banken. Deutsche Institute, allen voran die Commerzbank Börsen-Chart zeigen, konnten ihr Engagement den Angaben zufolge zuletzt auf 17,7 Milliarden Dollar senken.
  • Neben den Risiken birgt das Gesamtszenario rund um die Rubel-Krise allerdings auch Chancen für die deutsche Wirtschaft. Einer der Gründe für die Schwierigkeiten Russlands etwa ist der niedrige Ölpreis, der die Einnahmen des Riesenreichs auf diesem Sektor senkt.
    In Deutschland dagegen wirken die gesunkenen Rohölpreise wie ein kleines Konjunkturprogramm, wie etwa Bundesbank-Präsident Jens Weidmann feststellte. Der Grund: Die Kosten beispielsweise an der Tanksäule sinken, die Leute haben mehr Geld für andere Konsumausgaben zur Verfügung.
  • Die Probleme Russlands passen gut ins Krisenszenario, mit dem Mario Draghi, Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB) seine lockere Geldpolitik rechtfertigt. Ohnehin erwarten die Finanzmärkte, dass die EZB im kommenden Jahr damit beginnen wird, Staatsanleihen zu kaufen und damit noch mehr Liquidität ins System zu speisen. Ein Teil dieser Liquidität dürfte wie bisher schon früher oder später an den Aktienmärkten ankommen.

Vor allem die letzten beiden Punkte sorgen unter Börsianern für Optimismus, wie Umfragen zeigen. Insgesamt 50 von der Nachrichtenagentur Reuters befragte Analysten und Fondsmanager beispielsweise prognostizierten jüngst einen Anstieg des Leitindex Dax im kommenden Jahr auf 10.800 Punkte. Gegenüber dem aktuellen Stand von gut 9800 Punkten entspräche das immerhin einem Plus von mehr als 10 Prozent.

In einer Befragung durch das Frankfurter Sentix-Institut sagten zudem kürzlich mehr als 1000 Kleinaktionäre und Profi-Investoren einen Anstieg des Dax bis Ende 2015 auf 10.257 Punkten voraus. Wer daran glaubt, sollte jetzt Aktien kaufen. Aber nicht vergessen: Es ist eine Frage des Vertrauens.

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